Zirkuslektionen und Clickertraining – mit positiver Verstärkung zu einem partnerschaftlichen Miteinander

Kritik im Pferdetraining – Darf man das?

Über Kritik im Pferdesport - Darf man das?

In letzter Zeit hört man immer wieder von “Verfehlungen” diverser Trainer und von ohnmächtigen Zuschauern und Pferdebesitzern, die nicht in der Lage sind, etwas zutun. Warum nur? Meiner Meinung nach liegt einer der Gründe im Umgang mit Kritik. Denn nicht selten gerät der Kritisierende selbst in die Schusslinie, denn zu jeder Kritik gesellen sich oft auch Leute, die den kritisierenden “in die Mangel” nehmen.

​Hinsehen? Ja, aber bitten nicht so genau!

Da steht man nun, macht vielleicht als einziger den Mund auf, bleibt dabei so sachlich und fachlich wie möglich und wird am Ende als “Wattebauschwerfer”, “Pferdestreichler” oder sogar als “Tierschutznazi” (Ja, ernsthaft …) beschimpft, als “Weltverbesserer” oder im besten Fall noch als jemand der “keine Ahnung” hat und sich einfach nur anstellt… Ebenso beliebt ist es auch, dass diesem vorgeworfen wird, er sei neidisch oder wolle sich nur selbst darstellen. Ja, natürlich gibt es Fälle, in denen es vorkommt, dass die Kritik vor allen Dingen dem Kritiker helfen soll. Aber wer maßt sich an, das zu beurteilen? Und vor allen Dingen, wenn keiner mehr was sagt, wie können wir dann sensibilisieren? Schließlich wird überall davon gesprochen, dass wir mehr Zivilcourage gegenüber dem Pferd brauchen, dass wir unseren Blicken schulen müssen und zu Gunsten des Pferde aufstehen müssen, um Ihnen eine Stimme zu verleihen. Wir sollen nicht länger weggucken - aber genau hinsehen soll man bitte auch nicht!

Auch wer Kritik äußern darf, wird häufig in Frage gestellt. “Erstmal selber besser machen” ist ein beliebtes Argument, wenn schwere Lektionen oder sportliche Größen in die Kritik geraten. Doch nach welchem Maßstab wird hier “besser” bewertet und geht es “schlechter”, wenn ganz offenbar das Pferd darunter leidet? Das es anderen Pferden viel schlechter geht, ist übrigens auch immer wieder gern genommen, wenn die Argumente unbequem werden - ein denkbar schlechtes Argument um einen pferdefreundlichen Standpunkt zu verdeutlichen. Dazu kommt das Dilemma, wer denn überhaupt in der Lage ist sachliche und zumindest in einigen Kreisen anerkannte Kritik zu äußern. Die, die es aufgrund ihrer Qualifikation könnten, dürfen nicht (“Das macht man nicht unter “Kollegen”) oder fürchten die Konsequenzen (weil Sie zum Beispiel selbst ihren Ruf fürchten müssen, wenn sich das Blatt wendet) - dabei sind es doch gerade Fachleute, die etwas bewegen könnten. Und viele, die keine nachweisbare Qualifikation haben trauen sich einfach nicht, weil sie sich nichts sicher sind, ob sie mit ihrer Einschätzung richtig liegen oder am Ende überhaupt ernst genommen werden.

Über Kritik im Pferdesport - Darf man das?

Hauptverantwortlich ist immer der "Täter"

So ist es letztlich auch kein Wunder, dass die Menschen - im Übertragenen Sinne - am Abreiteplatz stehen und dem vielleicht offensichtlich tierschutzrelevanten Treiben zusehen und sich nicht trauen, den Mund aufzumachen, aus Angst, man könne am Ende selbst schlecht dastehen oder weil man sich nicht sicher ist, ob man das vielleicht “zu eng” (was für ein Wortspiel …) sieht. Jeder von uns hat sicherlich schon Situationen erlebt, bei denen man später dachte “Hätte ich doch bloß etwas gesagt!” In den meisten Fällen denke ich zugegebenermaßen auch zunächst “Da hätte man doch etwas sagen müssen!”, doch dann rufe ich mir wieder ins Gedächtnis, wer hier der eigentliche Täter ist und die volle Verantwortung hierfür übernehmen muss. Gerade wer als “Wiederholungstäter” auftritt und damit vielleicht sogar immer wieder auffällt, tut dies in vollem Bewusstsein. Macht man sich nicht viel eher zum “Mittäter”, wenn man den “Täter” hier noch in Schutz nummt und seine Handlungen rechtfertigt oder sogar beschönigt? Ein Reiter, der immer wieder Pferde hinter die Senkrechte zwingt, bleibt ein Reiter, der immer wieder Pferde hinter die Senkrechte zwingt. Ein blutiges Maul bleibt am Ende ein blutiges Maul. Ein Schlag mit der Gerte, bleibt ein Schlag mit der Gerte. Eine Vergewaltigung bleibt am Ende eine Vergewaltigung - egal, wo das Opfer lang ging, wann es geschah, wann es darüber gesprochen hat, wie lange es dauerte, wer dessen Begleitung ist und was dieses anhatte. 

Kritik schafft Grund für Veränderung

Leider wird das äußern von Kritik immer wichtiger, denn gerade wenn es um persönlichen Ehrgeiz oder finanzielle Interessen geht, ist das Pferd schnell der Leidtragende. Kritik hat in der Vergangenheit dazu beigetragen, Dinge zu verändern. Nicht immer gelingt dies im ersten Anlauf besonders gut. Dann muss erneut kritisiert werden - damit die Maßnahmen weiterentwickelt und die Bedingungen für die Pferde oder auch das einzelne Pferd verbessert werden.

Statt sich also auf jeden Kritiker zu stürzen, der versucht im Sinne des Pferdes eine Verbesserung zu erzielen, macht es eher Sinn, sich die Kritik einmal genau anzusehen - ob nun als Betroffener oder als Kritiker. Wenn man dann für sich entscheidet, dass man anderer Meinung ist, liegt es an einem selbst diese ebenso fachlich und fundiert darzulegen, darüber nachzudenken, ob man diese nicht sogar so “stehen lassen” kann oder vielleicht sogar zugeben muß, dass die Fakten für sich sprechen. So lässt sich berechtigte Kritik durchaus auch schnell von handelsüblichem “meckern” unterscheiden, denn natürlich bringt das Zeitalter des Internets auch jene auf den Plan, die durch das äußern von wahlloser, oft emotionsgebundener und unsachlicher Kritik ihr Ego aufpolieren wollen. Denn diese zeichnet sich genau dadurch aus: sie ist unsachlich, einfältig und “emotional” ohne die Sachlage zu betrachten.

Lieber einmal mehr hinsehen

Hinsehen statt wegsehen

Auch wenn ich sonst kein Freund von “Bauchentscheidungen” bin, so gilt hier, wie es ein altes Sprichwort sagt: “Lieber einmal mehr als zu wenig”. Dies gilt besonders, wenn es um Schutzbefohlene geht - und dazu gehören die Pferde zweifelsohne.

Wenn ihr Bedenken oder Einwände habt, dann sprecht darüber. Wenn ihr tierschutzrelevantes Verhalten seht (ja, ich weiß, das ist durchaus Auslegungssche …) dann stellt im Zweifel einfach die Frage nach der Notwendigkeit dieser Maßnahme - damit ist die Situation für das Tier zumeist in diesem Moment zumindest beendet. Wenn ihr auf einem Turnier seid, sprecht die Verantwortlichen oder befähigte Personen auf eure Beobachtung an. Wenn es euch selbst betrifft oder euer Pferd im Training, beendet im Zweifel die Situation ohne Rücksicht auf Verluste - diskutieren kann man auch danach noch, dazu muss man nicht warten, bis das Kind in den Brunnen gefallen ist. Stellt auch unangenehme Fragen, aber formuliert eure Kritik sachlich, bleibt bei den Fakten und begründet eure Aussage - nur so kann man ernst genommen werden.

Geben wir denen eine Stimme, die nicht für sich selbst sprechen können.

18 Kommentare
  1. Es geht doch nicht nur um Abreiteplätze oder Kurse.
    Auch im „eigenen“ Stall sieht man oft genug haarsträubende Dinge.Weiterlesen …

  2. Ich wiederhole mich, es geht um Situationen, in denen weggucken keine Option sein sollte, weil das Tierwohö gefährdet ist.

  3. Bei direkter Kritik fühlen sich viele Menschen leider angegriffen. Ich bin dazu übergegangen, auch Menschen positiv zu bestärken, statt nur „doofe“ Kritik zu üben.

  4. Da gibt es so einen tollen Spruch „eine Wahrheit kann erst wirken, wenn der Empfänger dafür reif ist“ – da ist so unglaublich viel dran.Weiterlesen …

  5. Diese Erfahrung kann ich leider nur bestätigen 😢

  6. 🤔 Hm! Sylvia, Du hast so viele Stärken, die erst so richtig, richtig sichtbar werden, wenn man direkt vor Dir steht. DANK DIR hat sich gerade mein Stallaltag in ein live adventure der Pferdesprache verwandelt.Weiterlesen …

  7. Von besonders dummen Menschen wird dann leider ja eingeworfen, dass man nur neidisch sei. Oder Hasskommentare abgibt. Ist eine Mode geworden, wenn man nicht in der Lage ist, sachlich zu diskutieren.

  8. Melanie Eilers 😉😬🤔

  9. Andrea Heissenstein siehste unsere Rede 😏 Wattebauschwerfer 🤣 ja ist der Ruf erst ruiniert kann man so viele werfen wie man möchte 😄

  10. Konstruktive Kritik, ob negativ oder positiv ist immer gut. Ohne Kritik ändert sich nichts. Dass man nicht von allen geliebt wird, wenn man etwas kritisch hinterfragt, ist klar.

  11. „Fachlich und fundiert“ sind die Codewörter,die Du in meiner Sicht immer beachtest,was man von 80 % der restlichen Diskussionsteilnehmer meist nicht behaupten kann.Weiterlesen …

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