Ich möchte euch schon mal vorwarnen, heute wird es lang – sehr lang. Lest den Artikel wenn ihr grade Zeit und Lust habt, euch auch mit dem Thema zu beschäftigen. Ich weiß, ich war noch nie ein Kind weniger Worte, aber eine Anschauung, eine Trainingsphilosophie, lässt sich leider nicht in wenigen Sätzen erklären. Sie lässt sich auch selten „ausdiskutieren“ und überhaupt nur schwer diskutiere. Manchmal lässt sie sich auch nur sehr schwer erklären, da sie etwas sehr persönliches und individuelles ist, die jeder mit sich selbst vereinbaren muss. Das hat sicher auch damit zutun, dass ich Ich möchte heute über das Thema Natural Horsemanship und Clickertraining schreiben. Ein Thema, auf das ich oft angesprochen werde, da ich schon seit vielen Jahren, meiner Meinung nach recht erfolgreich, in beiden Lagern unterwegs bin. Ich stehe gewissermaßen schon immer zwischen den Stühlen und das hat es mir nicht immer leicht gemacht, da man sehr schnell in Schubladen gesteckt wird – auch wenn man in keine eindeutige Schublade passt. Oftmals wird dies als unstet aufgefasst und natürlich buße ich oft auf beiden Seiten „Kompetenz“ ein, denn gedanklich sind beide Arbeitsweisen für viele sehr weit entfernt und überhaupt nicht miteinander zu vereinbaren. Dabei finde ich persönlich, dass eine Methode bzw. Arbeitsweise, die einen Anspruch auf alleinige Allgemeingültigkeit erhebt (“Es geht nur so!”), sich in gewisser weise sogar selbst disqualifiziert, weshalb ich mich auch aus Prinzip auf kein System festlegen werde. Während „die Clickerer“ sagen ich zwinge mein Pferd zur Leistung, sagen die Verfechter des Natural Horsemanship oftmals, ich besteche es und beide sagen “Du, du, du, das macht man nicht …”
Glücklicherweise versuche ich in erster Linie meinem Pferd die Entscheidung zu überlassen, ob man etwas macht oder besser sein lässt. Ich schreibe also heute mal sehr umfassend meine Gedanken zu diesem Thema auf und freue mich, wenn ihr diesen Text lest und auf euch wirken lasst. Den Anspruch auf Vollständigkeit, Allgemeingültigkeit und Richtigkeit erhebe ich dabei ausdrücklich nicht!
Die Idee des Clickern ist, das Training auf einer freiwilligen Basis zu gestalten, keinerlei Druck anzuwenden und Verhalten möglichst nur auf positiver Bestärkung herauszuformen. Das ist eine tolle Sache, denn schließlich lernen wir alle am besten, wenn wir etwas selbst erarbeiten und für das Ergebnis und die Zwischenergebnisse möglichst viel belohnt werden und zwar mit etwas, was wir wirklich gern tun! Und natürlich arbeiten wir Menschen, weil wir das Geld zum Überleben brauchen. Für uns ist das weitestgehend “natürlich”. Es ersetzt im weitesten Sinne unsere Ambitionen, nach etwas essbarem zu suchen, was wir zum Leben benötigen, so ist unsere “Evolution”. Haben wir Geld, haben wir oftmals weniger Sorgen, unser Leben zu gestalten. Geld ist in unseren Breitengraden “Komfort”. Selbstverständlich freue ich mich auch über nette Worte oder eine nette Geste, aber diese hilft mir letztlich nicht, zu überleben – ohne kann ich aber auch nicht
Bei Kindern ist es weniger materialistisch, für diese hat Lob in Form von Gesten und verbaler Bestätigung einen viel höheren Stellenwert, sie müssen sich noch nicht ums Überleben sorgen.
Ganz ähnlich ist das bei den Pferden. Die Suche nach Futter ist so ziemlich das natürlichste, was im Leben eines Pferdes passiert. Die meiste Zeit verbringt das Pferd damit, nach Futter zu suchen. Die Belohnung dafür, ist das Finden von Futter. Das ist eine ganz subtile Rechnung. Anders funktionieren Verhaltensmuster nicht, denn so funktioniert Lernen. Es ist eine Konditionierung, genauso wie das junge Pferd Verhaltensweisen und Gesten einzuschätzen lernt durch Erfahrung.
Was liegt also näher als das Pferd mit etwas zu belohnen, was es wirklich braucht – Futter. Futter ist ein primärer Bestärker, da das Pferd nicht lernen muss, dass Futter eine Bestärkung darstellt, eine Belohnung, während Handlob und Stimmlob in der Regel konditioniert wurden, in dem im Moment des Lobens kein Druck ausgeübt wird und das Pferd Ruhe erhält oder ggf. sogar der Druck nachlässt. Futter suchen und Futter finden und damit Bestätigung erhalten erfolgt nun in einem stetigen Wechseln, hier ist der Zeitpunkt der Belohnung nicht wichtig. Möchten wir aber in unserer täglichen Arbeit mit Futter belohnen, dann spielt der Zeitpunkt eine sehr große Rolle. Hier geht es manchmal um Zehntelsekunden. Das Lob muss in genau dem Moment kommen, in dem das Verhalten richtig ist. Nur mit Futter ist uns das nicht möglich, deshalb ist es wichtig, dass wir eine Möglichkeit schaffen, den richtigen Moment zu markieren. Dies können wir mittels des Clickers, oder aber auch mittels eines anderen Markersignals wie Lobwort oder Zungenclick schaffen. Etabliert wird dies, indem wir wiederholt den Clicker als Marker einsetzen in Kombination mit einer leichten Lernaufgabe, wie z. B. dem Berühren eines Gegenstandes. Man nennt das auch den Clicker laden. Im Hundetraining wird das oft über die bloße Wiederholt von Click und Belohnung gemacht, das lehne ich aber ab. Ich möchte nicht nur, dass mein Pferd weiß, dass der Click die Belohnung ankündigt, sondern ich möchte vor allem auch dass das Pferd lernt, dass nur richtiges Verhalten zu Click und Click zu Belohnung führt, keine Belohnung ohne Leistung. Daher ist die Konditionierung für mich eine fortlaufende Erfahrung und die Wirkung verstärkt sich im Laufe des Trainings über einen längeren Zeitraum. Deshalb fangen Pferde, insbesondere welche, die vorher nicht mit Futter gearbeitet worden sind, auch anfangs an zu betteln, bis sie das Prinzip verstanden haben. Dem kann man außerdem entgegenwirken, in dem man gezielt Übungen zur Futterdisziplin (wichtig) mit aufnimmt.
Der Clicker wird mittels klassischer Konditionierung etabliert. Vielleicht kennen einige von euch Iwan Pawlow, der als einer der ersten über Konditionierung schrieb. Mittels klassischer Konditionierung wird ein unbedingtes, also nicht willentlich beeinflussbares Verhalten mit einem Signal verknüpft, so dass das Signal später das Verhalten hervorruft. Pawlow beobachtete dies, als er vor der Fütterung seiner Hunde ein Glockensignal erklingen ließ und später das Signal ausreichte, um den Speichelfluss der Hunde anzuregen. Der Glockenklang weckte eine Erwartungshaltung beim Hund. Bei Pferden kann man das zum Beispiel gleichsetzen mit dem Futterwagen, der morgens hörbar ist, bevor es Futter gibt.
Die Verknüpfung des Clickers mit dem Futter löst also eine Erwartungshaltung beim Pferd aus, führt sogar dazu, dass das Clicken im ersten Moment gleichwertig ist mit der Belohnung, die darauf folgt. Das Pferd fühlt sich in dem Moment bestärkt, in dem der Click (oder Lobwort etc.) ertönt, weil es weiß, dass auf das Clicken eine Belohnung erfolgt. Wir können uns also ein wenig mehr Zeit lassen, das Pferd zu füttern. Ein großer Vorteil. Ohne eine akustische Ankündigung des Lobes oder einer verbalen Bestätigung müsste das Futter möglichst exakt in dem Moment kommen, wo das Verhalten richtig ist. Die theoretischen 2 bis 3 Sekunden, die das Pferd das Futter noch mit “richtig” in Verbindung bringt funktionieren nur, wenn das Pferd gedanklich noch bei der gleichen Sache ist wie wir. Für den Clicker spricht hier übrigens die absolute Einzigartigkeit dieses Signals, was sich eigentlich immer von anderen akustischen Reizen abhebt, während die Stimme oftmals viel zu unbedacht eingesetzt wird. Es erfordert deutlich mehr Konsequenz und Selbstbeherrschung mit Lobwort zu arbeiten, ist aber dennoch unkomplizierter als mit Clicker.
Im Hundesport wird der Clicker nur hin und wieder geladen und ansonsten die Belohnung durch den Click ersetzt. Ich lehne das ab. Erstens funktioniert dies ohnehin nur eine Weile und zweites, sinkt für das Pferd die Zuverlässigkeit des Clickersignals. Es ist ungefähr so, als würde euer Chef zu euch sagen “Wenn ihr euren Job richtig gut macht, bekommt ihr am Ende des Monats vielleicht! euer Gehalt. Das hört sich von vorneherein schon mal nicht so gut an wie “Mach deinen Job und ich bezahle dir deine Leistung gut!”. Wir alle wissen, dass in unserer Gesellschaft die Zahlungsfähigkeit immer weiter eingeschränkt ist. Spätestens, wenn wir unser Gehalt einmal nicht bekommen, obwohl wir uns wirklich so sehr angestrengt haben, sinkt die Motivation. Bei Pferden ist dies genauso. Das zuverlässige Versprechen, dass auf das Click Lob erfolgt, ist maßgeblich für die hochgradige Motivation des Pferdes und auch für die Höflichkeit, also das Nicht-Betteln, verantwortlich.
Ein weiterer Grundgedanke des Clickertrainings ist, die Anforderungen stets so niedrig zu halten, dass das Pferd diese auf jeden Fall erfüllen kann, das finden des “Kleinsten, gemeinsamen Nenners”. Berücksichtigt man dies, so kann man wirklich sehr viel mit positiver Verstärkung arbeiten, also wirklich nur Verhalten aufgreifen, die das Pferd anbietet und daraus das richtige, gewünschte Verhalten herausformen – Schritt für Schritt. Für jede Idee in die richtige Richtung wird das Pferd belohnt, so lange, bis das Pferd diese Gedanken weiterverfolgt. Clickt man in hoher Frequenz zuverlässig das richtige Verhalten und zögert den Click dann hinaus, wird das Pferd angeregt, nach einer anderen Lösung zu suchen, so dass man hier in der Regel einen Fortschritt erwarten kann, sofern dieser nicht ohnehin schon vorhanden war. Verhalten, welches auf diese Art und Weise erarbeitet wurde, wird sehr zuverlässig gezeigt bis hin zu einer hundertprozentigen Erfolgsquote, sofern das Tier auch ansonsten ausschließlich positiv bestärkt wird. Auf diese Weise bildet man zum Beispiel “Minensuchratten” aus, da diese leicht genug sind, die Minen aufzuspüren, ohne dass diese auslösen. Würde man ein solches Tier ausbilden über negative Verstärkung oder/und Druck, bestünde immer das Risiko, dass das Tier das Verhalten verweigert oder zumindest zögert. Ein Tier, welches aber gelernt hat, dass das richtige Verhalten belohnt wird, hat keinen Grund, dieses Verhalten zu verweigern, denn nur so erhält es eine für sich erstrebenswerte Belohnung.
Lernen dient immer der Optimierung des eigenen Zustandes. Ein Pferd tut Dinge immer nur aus zwei Gründen: weil es etwas Positives erwartet oder weil es etwas Negatives vermeiden möchte. In beiden Fällen wird das Pferd für sein Verhalten bestärkt werden. Die Frage, um die sich die Diskussion um Horsemanship oder Clickertraining dreht ist also nur, welche der beiden Varianten ist pferdegerechter bzw. natürlicher – vermeintlich. Im Falle der positiven Bestärkung wird das Pferd belohnt, in dem es etwas für sich erstrebenswerteres (Futter) erhält. Im Falle der negativen Verstärkung lernt das Pferd, in dem es etwas für sich Unangenehmes vermeidet (Diskomfort oder Druck).
Nun ist die Frage für mich, ist das Wegnehmen von aufgebrachtem Druck wirklich eine Belohnung für das Pferd? Ist das Herstellen einer selbstverständlichen Situation (kein Aufkommen von Stress, Ruhe, Komfort, Harmonie) wirklich eine für das Pferd erstrebenswerte Belohnung oder setzen wir das Pferd nicht nur unnötig unter Druck? Denn wir sind uns ja einig, dass wir alle möchten, dass unser Pferd uns gern hat und wir so wenig Druck wie möglich ausüben möchten. Selbstverständlich möchte das Pferd Druck und Stress vermeiden, genau dies tut es in der Herde auch, deshalb funktioniert das Zusammenspiel innerhalb der Herde so gut. In der Herde hat das Pferd jedoch immer auch die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, wie viel Druck es sich aussetzt, während es in der Arbeit mit uns diese Entscheidung uns überlassen muss. Wir stellen also eine künstliche, von uns geschaffene Situation her und setzten das Pferd einem von uns gemachtem Druck aus um eine richtige Reaktion des Pferdes mit dem Entfernen von Druck zu bestätigen. Dies ist sehr punktgenau, da die Bestätigung durch das Wegnehmen des Druckes in exakt dem Moment erfolgen kann, in dem das Pferd richtig reagiert. Das richtige Verhalten wird auch hier markiert – in diesem Fall durch die Änderung unseres Verhaltens selbst. Das funktioniert prima, denn das Pferd kennt diese Arbeit ohne Frage aus der Herde. Das Grundprinzip des Natural Horsemanship oder der negativen Verstärkung als Teil der operanten Konditionierung.
Der Vorteil der Arbeit mit negativer Bestärkung, dass diese für den Menschen vielfach leichter zu erlernen ist, da sie uns alltäglicher ist, es ist für den Menschen auf jeden Fall – meiner Meinung nach – oft der einfachere Weg, auch, weil er kein so großes Umdenken erfordert. Ich weiß, damit mache ich mir nicht in jedem Fall Freunde und ich möchte, dass dies bitte keiner persönlich nimmt. Es ist völlig in Ordnung eine eigene Ansicht der Dinge zu haben. Der Grundgedanke beider Methoden ist durchaus konträr, aber es gibt Wege, hier parallelen zu schaffen, in der sich beide Arbeitsweisen hervorragend ergänzen. Dieser Weg ist oftmals weder von der einen Partei, noch von der anderen Partei zu verstehen, weil es beiden Seiten schwer fällt, Kompromisse einzugehen. Das ist für mich sehr verständlich, denn in beiden Fällen sind die Motive wirklich ehrenhaft und damit ein Stück weit unanfechtbar. Während Natural Horsemanship für sich beansprucht, das Leben für das Pferd so natürlich wie möglich zu gestalten, lehnt das Clickertraining jegliche Form von Druck ab – einen Mittelweg kann es also nur geben, wenn man die eigene Definition in Frage stellt bzw. diese überdenkt.
Ich stimme grundsätzlich überein, dass das Pferd lernen muss, mit uns zusammenzuarbeiten, dass wir also um das Herstellen dieser künstlichen Herdenzusammenstellung mit oftmals (von uns) gewünschter, linearer Hierarchie nicht herumkommen. Ich bin auch der Ansicht, dass nicht jedes Verhalten mit positiver Verstärkung erarbeitet werden kann bzw. muss und das es tolerabel ist, ein Pferd mit negativer Verstärkung auszubilden und dabei auch zeitweise ein gewisses Stresslevel bei der Arbeit zu tolerieren. Wichtig ist mir jedoch, den Grundgedanken in der positiven Grundstimmung zu sehen, die wir mit dem Pferd haben. Es muss also eine gewisse Ausgewogenheit bestehen zwischen der Arbeit mit positiver und negativer Bestärkung. Das Pferd sollte immer eine faire Chance haben richtig zu reagieren, bevor wir auch nur daran denken, tatsächlich Druck auszuüben.
Ich kann den Druck sehr niedrig halten und warten, bis das Pferd richtig reagiert um das richtige Verhalten dann zu bestärken. Im übertragenen Sinne kann ich zum Beispiel das Hinterhandweichen erarbeiten, in dem ich einen durchaus unangenehmen, aber nicht schmerzhaften Reiz ausübe und dieses sehr niedrige Niveau aufrecht erhalte, bis das Pferd weicht. Auch das wäre eine negative Verstärkung, da hier (wenig) Druck die Vorstufe von viel Druck ist und ohne Zweifel der Gedanke, Druck auszuüben die Grundidee ist. Arbeite ich mit dem Clicker, kann ich hier ansetzen und in genau dem Moment zusätzlich bestärken, in dem das Pferd richtig reagiert. Ich clicke in dem Moment, in dem das Pferd richtig reagiert und ich den Druck wegnehme und bestärke das Verhalten danach zusätzlich mit Futter. Das macht aus der negativen Bestärkung keine positive Bestärkung, aber mit Sicherheit eine positive Erfahrung für das Pferd. Ganz deutlich muss man hier darauf hinweisen, dass diese Vorgehensweise dem Grundprinzip des Clickertrainings, die Arbeit mit Druck auszuschließen, wiederspricht, weshalb es von einigen Clickerern als Missbrauch des Clickers angesehen wird. Ich möchte auch nicht abstreiten, dass der Clicker damit vielleicht einen anderen Stellenwert in den Augen des Pferdes bekommt, da er nicht mehr ausschließlich positiv konditioniert wird. Meine Erfahrung hat aber gezeigt, dass es dennoch hervorragend funktioniert – allerdings nur, wenn die Grundhaltung ist, sowenig Druck wie möglich auszuüben und dennoch auch Dinge mit positiver Verstärkung zu erarbeiten. Erhöht man den Druck erzeugt dies Stress beim Pferd und es schüttet Adrenalin aus. Diese Ausschüttung von Stress verhindert die Ausschüttung von Dopamin, dem Glückshormon, welches bei der Arbeit mit Clicker und Futter unter anderem einer der Erfolgsgaranten ist. Würde man den Clicker also nur mit negativer Verstärkung nutzen und hierbei hohen Druck ausüben oder sogar Strafen, weil das Pferd die Übrung nicht ausführt, würde man nicht nur den Sinn in Frage stellen, sondern auch nicht von den sehr positiven Eigenschaften und der herausragenden Motivation des Clickertrainings profitieren können. Die Dopaminroduktion wird sozusagen mit der Produktion von Adrenalin überschrieben. Insofern ist dies schon aus wissenschaftlicher Sicht nicht sinnvoll.
Auch im Natural Horsemanship sollte unser Bestreben darin liegen, dem Pferd “die Regeln” unseres Zusammenseins zu erklären, im Detail sprechen wir hier von der Rangordnung, ich spreche gerne von Autorität. Autorität bedeutet auch Verlässlichkeit, Aufschauen, (freiwilliger) Anschluss, Vertrauen und gegenseitiger Respekt, Akzeptanz – die Synergie einer Herde, unserer Herde. Qualitäten, die die Beziehung auch beiderseits beeinflussen und sowohl seitens des Pferdes, als auch des Menschen, gleichermaßen erstrebenswert sind. Und auch Qualitäten einer guten Führungskraft, keines Herrschers. Wir kennen unsere Welt besser als unsere Pferde und bei entsprechender Beziehung wird das Pferd im Zweifel erst einmal nachfragen, ob alles ok ist oder ob es jetzt Zeit ist zu flüchten. Hier macht es schon Sinn dem Pferd erklären zu können, zu unserer Sicherheit ggf. auch mal mit etwas Nachdruck, dass jetzt nicht der richtige Zeitpunkt zum Flüchten ist, sondern dass wir aufpassen können, dass es sich uns anvertrauen kann. Welch Instabilität der Beziehung, die außerhalb der Weide nun einmal vorrangig dadurch bestimmt ist, dass wir den Weg bestimmen, wenn wir in einem solchen Moment sagen “sorry, keine Ahnung ob der Säbelzahntiger da hinten gefährlich ist, was denkst du? Vielleicht solltest du selbst entscheiden, ob du flüchtest oder bei mir bleibst, aber ich komm schon klar ohne dich, also lauf ruhig!”
Meine Erfahrung zeigt, dass dies nicht von heute auf morgen geschieht, sondern eine Entwicklung ist, die vor allem auch damit zu tun hat, wie wir uns selbst entwickeln – dazu zählen vor allem auch unsere Erfahrungen darin, wie wir Pferde lehren und durch die zunehmenden Erfolgserlebnisse souveräner im Umgang werden. Wir konditionieren das Pferd, wir lehren unser Pferd darin, wie es sich mit uns zu verhalten hat und welche Verhaltensweisen gewünscht sind. Angefangen zum Beispiel damit, dass wir dem Pferd die Bedeutung von Halfter, Strick und Geführtwerden erklären – dazu gehört auch unsere Position zum Pferd. Dies alles geschieht anhand von Versuch und Irrtum. Versuch und Irrtum kann man nun sehr weitreichend auslegen und schon wieder könnten wir hier eine Grundsatzdiskussion beginnen. Ich kann dem Pferd erklären, dass ein Verhalten richtig ist in dem ich das richtige Verhalten lobe und es dazu bringe, dieses Verhalten wiederholt zu zeigen. Ich kann aber auch einem Pferd den richtigen Weg erklären, in dem ich Druck ausübe und diesen in dem Moment unterlasse, in dem das Pferd das richtige Verhalten zeigt. Wende ich den Druck zielführend an und hat das Pferd eine entsprechende Ausbildung, wird das Pferd sehr schnell verstehen, was gewünscht ist, so dass es immer weniger Druck braucht, bis es das richtige Verhalten zeigt. Im schlimmsten Fall könnte ich das Pferd sogar Strafen, wenn es sich falsch verhält – dann müsste ich aber darauf hoffen, dass das Pferd das richtige Verhalten selbst errät, denn Strafe erklärt dem Pferd leider nicht, welches Verhalten gewünscht ist (Ich denke nicht, dass diese Methode ernsthaft in Erwägung gezogen wird …).
Die Grenzen zwischen positiver und negativer Verstärkung sind so gering, dass sie teilweise verschwimmen. Auch aus einem negativ verstärkten Verhalten kann man ein gewünschtes Verhalten formen. Wenn man dies richtig macht, erhält man im besten Fall ein neutrales Signal, welches vom Pferd nicht (mehr) mit Druck assoziiert wird. Es wird kein Druck benötigt, um das Verhalten abzurufen, es reicht ein Signal zur Ausführung und das richtige Verhalten kann man auch hier wunderbar durch Click und Belohnung bestärken und Erhalten. Was spricht auch dagegen dem Pferd mit bestimmter Höflichkeit zu sagen, bitte Abstand zu halten und hier das richtige Verhalten zu loben? Es ist wie der Unterschied zwischen “Kannst du bitte zur Seite gehen” und “Verschwinde, ich will durch” eine Frage des eigenen Verständnisses von Fairness und Höflichkeit und in gewisser Weise auch Demut und Achtung vor dem Wesen Pferd.
Fairness heißt aber auch, bereit sein, umzudenken und den Blick über den Tellerrand zu wagen. Ich freue mich, dass die Toleranz auf beiden “Lagern” stetig wächst und dazu führt, dass gute Arbeit mit dem Pferd nicht mehr nur durch Definitionen bewertet wird. Einen guten Horseman macht nicht aus, ob er einen Clicker in der Hand hat oder nicht, ob er mit Stick oder Gerte arbeitet, sondern ob er gedanklich in der Lage und so flexibel ist, nicht aufgrund seiner eigenen Ideale zu entscheiden, sondern auf das Pferd zu hören und in Rücksprache mit ihm nach der richtigen Idee zu suchen.


Liebe Sady,
ich kann dir absolut zustimmen! Ich habe im letzten Jahr mit dem Clickertraining angefangen und nach der Theorie müsste ich eigentlich das NH an den Nagel hängen. Jedoch finde wie du, dass diese beiden Kommunikations- und Erziehungsmethoden miteinander vereinbar sind. Vielen Dank, für das Aufschreiben “meiner” Gedanken! ;o
LG, Corinna