Zirkuslektionen und Clickertraining – mit positiver Verstärkung zu einem partnerschaftlichen Miteinander

Achtsamer Umgang von Kind und Pferd

Achtsamer Umgang mit Kind und Pferd © Janina Zauber

Kinder lieben Pferde, ganz besonders kleine Ponys. Sie möchten sie liebhaben, knuddeln und streicheln. Und wer, wenn nicht wir erwachsenen Pferdeliebhaber könnten das besser verstehen. Trotzdem ist es wichtig, dass wir Verantwortung für Kind UND Pferd übernehmen und bereits in deren jungen Alter die Chance nutzen, Kindern einen positiven und vor allen Dingen respektvollen Umgang mit Pferden nahe zubringen.

Durch das Internet schwirren eine Menge Videos, in denen Eltern ihre Kinder mit offenbar sehr gelassenen, gutmütigen Pferden und Ponys präsentieren. Und auch in meiner täglichen Arbeit sehe ich viele Szenen, in denen Kinder sorglos mit ihren Ponys hantieren und man sich wundert, wie gut diese das trotz sichtbarem Unmut hinnehmen. Keine Frage, ich verstehe sehr gut, dass Eltern (und auch Trainer) stolz darauf sind und es natürlich auch sehr niedlich sein kann, Kind und Pferd zusammen zu beobachten. Auch, das da gern „mal ein Auge zugedrückt“ wird was den Umgang angeht. Schließlich möchte man ja auch nicht, dass die Kleinen „zu verkopft“ an die Sache herangehen. Trotzdem finde ich es wichtig, hier die Grenzen des Pferdes zu erkennen und zu respektieren und genau dieses auch den Kindern zu erklären, denn man trägt hier doppelt Verantwortung für zwei gleichermaßen Schutzbefohlene. Pferde (und auch alle anderen Tiere) sind keine Kuscheltiere, die man nach Belieben anfassen, knuddeln oder gar durch die Gegend schieben kann, sondern eigenständige Lebewesen mit Bedürfnissen. Und gerade Situationen, in denen Kinder diese Grenzen offensichtlich überschreiten bieten das Potential, den Kindern einen respektvollen, achtsamen und dennoch nahen, nicht zu distanzierten und liebevollen Umgang beizubringen. Und zwar nicht, indem wir Dinge verbieten oder die Kinder rügen, sondern indem wir sie begleiten und ihre Neugierde in die richtige Richtung lenken.

Verantwortung übernehmen und Vorbild sein

Berücksichtigt man nicht bereits zu Beginn der Ausbildung am Pferd, worauf es im Umgang mit dem Pferd ankommt, legt man unter Umständen den Grundstein dafür, die eigenen Bedürfnisse über die Bedürfnisse des Pferdes zu stellen. So machen wir aus kleinen Kindern Kinder, Jugendliche und später Erwachsene, die oftmals gar nicht mitzubekommen, dass es dem Tier nicht gut geht mit dem, was man gerade tut. Weil man nicht gelernt hat, dies zu hinterfragen.

Einen respektvollen Umgang mit dem Pferd kann man nicht früh genug schulen ©Sandra Schweig

Einen respektvollen Umgang mit dem Pferd kann man nicht früh genug schulen ©Sandra Schweig

Dies beginnt damit, dass wir einen entsprechenden Umgang mit dem Tier vorleben und auch über entsprechendes Wissen verfügen, z. B. die Körpersprache des Pferdes richtig lesen zu können. Nicht nur, um dies weiterzugeben, sondern auch um potentielle Risiken und Gefahrensituationen schnell zu erfassen und zu entschärfen. Denn auch wenn „kindgerechte“ Pferde und Ponys oft eine hohe Toleranzgrenze haben, heißt dies nicht, dass sie ihren Unmut niemals durch entsprechendes Verhalten zeigen würden. Und das ist die Not oft groß, wenn das Pony das Kind gebissen oder über den Haufen gerannt hat, oder ihm auf die zierlichen Füße getreten ist. In vielen Situationen, in denen wir denken „Es ist so brav …“, könnte die Reaktion des Pferdes stets auch zu Ungunsten des Kindes ausfallen und dieses verletzen, oder im schlimmsten Falle sogar töten – ja, auch dessen sollte man sich stets bewusst sein, ohne hier nun übertreiben zu wollen. Pferde und auch kleine Ponys sind Lebewesen, die auch bei guter Ausbildung eigenständig und autark bleiben und entsprechend ihrer Genetik handeln.

Bedürfnisse von Kind und Pferd berücksichtigen

Statt still zu beobachten oder zu verbieten, sind viele Situationen hervorragend geeignet, unsere jungen Mitmenschen zu begleiten und ihnen kindgerecht zu erklären, was man aus den Reaktionen und der Körpersprache des Pferdes schließen kann. Dies beginnt bereits mit der Annäherung an das Pferd. Statt auf das Pferd zuzulaufen und es ungefragt im Gesicht anzufassen oder ihm um den Hals zu fallen, sollten wir den Kindern erklären, dass man sich einem Pferd mit Bedacht und Respekt nähert und um Erlaubnis bittet, bevor man es anfasst, z. B. indem man das Pferd zunächst an der Hand schnuppern lässt oder einfach kurz innehält, bevor man es anfasst. Und wenn man es anfasst, sollte auch hier stets überprüft werden, ob dies dem Pferd gefällt und wann man ggf. damit aufhört. Wir müssen einen Dialog mit dem Tier lehren, damit die Kinder in der Lage sind, dem Pferd zuzuhören und die richtigen Entscheidungen treffen zu können.

Auch die Bedürfnisse des Kindes sollten Berücksichtigung finden, ohne dabei das Pferd zu vergessen © Dzeni Bakac

Auch die Bedürfnisse des Kindes sollten Berücksichtigung finden, ohne dabei das Pferd zu vergessen © Dzeni Bakac

Natürlich möchte man trotz allem, dass die Kinder Spaß haben und „handlungsfähig“ bleiben oder sogar Angst vor den Reaktionen bekommen. Deshalb ist es wichtig, nicht ausschließlich die Bedürfnisse des Pferdes in den Focus zu stellen, sondern weiterhin das Kind mit einzubeziehen. Spaß zu haben ist wichtig, dann aber bitte MIT dem Pferd und nicht am Pferd (vorbei). Das Kind möchte das Pferd Anfassen, berühren und Kuscheln? Dann erklären wir ihm, was das jeweilige Individuum gerne hat, wo und wie es gerne angefasst und gestreichelt oder gekrault werden möchte und was es nicht so gerne hat, geklopft werden zum Beispiel. Auch, dass dies von Pferd zu Pferd abweicht ist eine wichtige Erkenntnis, die es zu Lehren gilt. Dazu ist es selbstverständlich notwendig, dass man die jeweiligen Vorlieben und Abneigungen des Pferdecharakters selbst kennt. Das Pferd sollte die Handlungen des Kindes nach Möglichkeit nicht nur über sich ergehen lassen, sondern bestenfalls auch genießen können, damit tatsächliche Zuneigung zu „seinem Menschen“ entstehen kann. Viel zu oft verwechseln wir Akzeptanz mit Wohlgefallen, selbst im Erwachsenenalter. Zum „Sehen lernen“ gehört außerdem auch – und das ist besonders wichtig – ein „Nein“ des Pferdes zu akzeptieren. Es gibt durchaus auch Pferde, die mögen es per se nicht, dass man sie anfasst oder durch enges in den Arm nehmen begrenzt. Oder das jeweilige Pferd, mag dies nun einmal heute nicht, obwohl es das sonst vielleicht genießt. „Zwangskuscheln“ finden weder Mensch, noch Tier besonders angenehm.

Den Dialog mit dem Pferd fördern

Kinder in jungen Jahren sind oft empathischer, als wir es von ihnen vermuten würden. Sie sind jedoch ebenso leicht beeinflussbar und können diese Fähigkeit schnell verlernen. Wenn wir einen achtlosen Umgang mit dem Pferd vorleben, so werden auch sie achtlos mit dem Pferd umgehen. Für uns Erwachsene sind viele Dinge selbstverständlich und laufen unreflektiert ab. Wir sind in der Lage eine Gesamtsituation zu erfassen, die Reaktionen des Pferdes auf unser Verhalten zu beurteilen und darauf zu reagieren. Wir ändern laufend unsere Pläne und stehen in einem Dialog mit dem Pferd, weil wir zum Beispiel sehen, dass sich das Pferd mit einer Handlung nicht wohl fühlt. Kinder können dies zunächst nicht. Sie sind in ihrem eigenen Verhalten noch nicht so reflektiert und verfügen nicht von Natur aus über das Wissen, weshalb wir ihnen unser Vorgehen erklären müssen. Wenn sie einfach nur unser Verhalten unreflektiert übernehmen, ohne zu wissen, warum und wie wir handeln, kann dies schnell in einem achtlosen und überlegten Umgang resultieren.

Gute Vorbereitung bedeutet Fairness für Kind und Pferd

Auch die Schulung eines geeigneten Ponys gehört zu unseren Aufgaben. Das Pony will bei unserem Kind den Huf nicht geben? Dann sollten wir zunächst hinterfragen, ob wir dem Kind ausreichend erklärt haben, wie es das Pferd fragt. Reagiert es trotzdem nicht entsprechend, dann ist es unser Job mit dem Pferd zu trainieren, dass es bereits auf leichte Hilfen reagiert und nicht dem Kind zu erklären, es soll mehr Druck anwenden oder sogar das Pferd bestrafen. Das Pferd rempelt beim Führen das Kind an oder zieht es über den Platz, bleibt nicht stehen? Unser Job, dem Pferd beizubringen, dass es sich nicht nur im Umgang mit Erwachsenen lohnt, mitzuarbeiten. 

Training ist Erwachsenensache © Sandra Schweig

Training ist Erwachsenensache © Sandra Schweig

Ein besonderes Augenmerk im Umgang mit Kindern und Futterlob liegt dabei auf einem „höflichen“ Verhalten des Ponys und dem richtigen Umgang mit Futterlob für das Kind, sofern dieses genutzt wird. Gerade hier besteht natürlich ein erhöhtes Gefahrenpotential, wenn einer der beiden Parteien nicht ausreichend gut geschult ist. Ponys, die im Umgang mit Futterlob unhöflich sind, drängeln und schnappen, gehören sorgfältig durch einen Erwachsenen trainiert. Ist das Kind noch zu klein um richtig mit Futter zu belohnen, so sollte man dies dem Erwachsenen überlassen und selber füttern und das Kind z. B. zur Belohnung streicheln oder mit der Stimme loben lassen. Kinderpferde bedürfen, nicht nur im Umgang mit Futterlob, einer regelmäßigen „Korrektur“ durch einen Erwachsenen, erfahrenen Trainer, solange die Kinder selbst noch nicht dazu in der Lage sind (unter Aufsicht) mit dem Pferd zu trainieren. Es ist keine Schande, sondern ein zeugt von gewissenhaftem Umgang mit Kind und Pferd und Verantwortungsbewusstsein, wenn Kinder in den ersten Jahren ihres Pferdeumgangs lediglich Verhalten abrufen, welches zuvor (und danach) sorgfältig trainiert wurde. 

Problemlöseverhalten zu Gunsten des Pferdes schulen

Natürlich muss ein Kind später auch in der Lage sein, mit einem möglichen Fehlverhalten oder einer Nichtausführung eines Signals umzugehen. Das lernt es jedoch nicht, wenn das Pferd diese Signale selbst noch nicht versteht oder ausführen kann. Dann bleibt im Dialog mit Kind und Pferd am Ende keine andere Möglichkeit, als auf ein „Durchsetzen“ mit Druck oder sogar Strafe zurückzugreifen, statt zu hinterfragen, wo das Problem liegt. Ist das Kind schlichtweg zu jung, um diese Komplexität im Training zu berücksichtigen, so sollte erst Recht der Focus auf die Schulung des Pferdes gelegt werden. Zeigt das Pferd im Umgang mit dem Kind wiederholt „Ungehorsam“, so muss hinterfragt werden, woran das liegt. Ein positiv trainiertes Pferd, hat keinen Grund, Verhalten nur personenabhängig zu zeigen. Es „testet“ nicht sondern arbeitet gerne mit – egal ob mit Kind oder Erwachsenem. Verschlechtert sich das Verhalten im Zusammensein mit dem Kind oder zeigt das Pferd Unwohlsein, Stress oder sogar Angst, so ist dies in jedem Fall ernstzunehmend, um zu verhindern, dass das Pferd sich Fehlverhalten aneignet, mit dem das Kind noch nicht positiv umgehen kann. Im Zweifel wird dann eben heute nicht galoppiert und die Galopphilfe noch einmal trainiert, statt dem Pony einen Klaps mit der Gerte oder einen Tritt in den Bauch zu verpassen, weil es „einfach nicht will“. Auch sollte realistisch eingeschätzt werden, ob das Kind überhaupt in der Lage ist, dieses Verhalten schon abzurufen. Wenn es zum Beispiel noch nicht in der Lage ist, leicht zu traben und das Pony hat Probleme, wenn ausgesessen wird, dann müssen wir zunächst das Kind trainieren und die Anforderungen an Pony und Kind so gestalten, dass keiner von beiden darunter leidet. Auch das ist eine wichtige Lektion ("Ich verstehe, dass du jetzt gerne traben möchtest, aber dazu müssen wir erst XY üben, damit du dem Pony nicht wehtust, wenn du auf und ab hopst").

Kind und Pony zu einem guten Team machen © Nicole Peitz

Kind und Pony zu einem guten Team machen © Nicole Peitz

Mit dem Pferd für das Leben lernen

Der Umgang mit Kind und Pferd ist nicht immer ganz unproblematisch, weil wir das Lernverhalten des Pferdes hier nicht vorübergehend „ausknipsen“ können, um in den „Kindermodus“ zu schalten. Wir müssen vieles beachten und berücksichtigen. Und doch kann er wundervoll sein, wenn wir auf die richtigen Dinge Achtgeben. Kinder sind die Zukunft von morgen. Indem wir Kind und Pferd auf ihrer gemeinsamen Reise unterstützen, geben wir dem Kind nicht nur ein gutes Gefühl, sondern können es in vielerlei Hinsicht auch auf das Leben vorbereiten. Der Umgang mit dem Tier vermittelt Werte wie Respekt und Achtung vor anderen Individuen, aber auch Selbstbewusstsein und Eigenständigkeit, weil sie lernen, Verantwortung zu übernehmen. Selbst Dinge wie Frustrationstoleranz und Impulskontrolle werden hier auf sehr nette Art und Weise geschult, wenn man zum Beispiel etwas gerne tun möchte, dies aber aus Rücksichtig auf das Pferd nicht tut. Auch Regelverständnis kommt dem Kind zu Gute („Ich verstehe, dass die Reitkappe warm ist, aber es ist mir wichtig, dass du nicht ohne Kappe aufsteigst, weil ich dann Angst um dich habe. Auch wenn „Fritzi“ ein liebes Pony ist, kann er stolpern und sich erschrecken.“) und kann hier verbunden mit einer hohen Eigenmotivation gelernt werden. Der Umgang mit dem Pferd ist also nicht einfach nur „Spielerei“ sondern hochgradig nützlich. 

Und bei all dem Ernst der Sache: Kinder und Pferde, die friedvoll miteinander umgehen, sind wundervoll zu beobachten, doch zu einem freudigen Umgang gehören stets zwei: Pferd UND Mensch. Es reicht nicht, dass das Kind das Pony liebhat. Das Pony muss auch das Kind gernhaben, damit ein entspanntes, beiderseitig motiviertes und auch sicheres Miteinander entstehen kann.

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