Oh du tödliche Anweidezeit…

Und es sprach der Herr:“Das Reiterleben möge nicht nur mit Freuden und Frohsinn einhergehen, und ich will dem Pferdebesitzer auch die Zeit für stille Selbstreflexion sowie stundenlanges dekoratives Herumstehen in der frisch ergrünenden Landschaft geben!“ Und so befahl es der Herr, und das Anweiden ward geschaffen. Und Er sah, das es gut war. Denn jedes neue Jahr, dass Er werden ließ, stehen seit Anbeginn der Zeiten nun die Pferdebesitzer verloren und vereinsamt in der Landschaft herum und sehen ihren vierbeinigen Fellkugeln beim Fressen zu.

Kaum lässt der Frühling sein blaues Bändchen über die noch wintermüden Stallungen wehen, stellt sich eine eigenartige Unruhe bei Mensch und Tier ein. Man hört förmlich das Gras wachsen…

Die Pferde werden frühlingsfrisch und überraschen den noch winterstarren Reiter jeden Tag mit neuen exquisiten Buckel-Eskapaden unter dem Sattel und dem Entdecken von bösen Monstern hinter den zartgrünen Birken des von der letzten Winterflut noch völlig unbereitbaren Außenplatzes. Und die Reiter werden wie jedes Jahr nervös und beschäftigen sich mit einer der existentiellsten Fragen des Reiterlebens überhaupt:“Wird mein Pferd das Anweiden dieses Frühjahr überleben? Und ICH auch?!“

Denn wenn man den diversen, wie bunte Krokusse (Krokissen, Krokanten, Krokii? Verdammt, wie ist der Plural von diesem Scheiß-Gewächs eigentlich?!?!) aufknospenden Threads, Artikeln und wissenschaftlichen Essays in den Reiterforen und der einschlägigen Reiterpresse Glauben schenken mag, ist das Anweiden jedes Jahr eine Angelegenheit auf Leben und Tod. Und damit meine ich nicht unbedingt nur für die Pferde.

Begeben wir uns an einem herrlichen Frühlingstag Ende April / Anfang Mai (oder Ende Oktober / Anfang November, falls hier Australier mitlesen sollten) in einen x-beliebigen Reitstall und betrachten dort das bunte Treiben:

Als erstes begegnen wir Person A, welche, bewaffnet mit einer kleinen Papierschere, bäuchlings neben Koppelpfählen zentimeterweise vorwärts kriecht. Sie ist mitnichten ein beklagenswertes Opfer der Frühjahrsmüdigkeit geworden, noch zelebriert sie einen ausgefallenen altgermanischen Frühjahrsfluch, der Ganzkörper-Erdkontakt erfordert.

Nein. Sie weidet ihr Pferd an. Welches übrigens in erster Linie durch Abwesenheit glänzt, denn es befindet sich aktuell in der Box ungefähr 40 Meter hinter ihr. Es darf keinesfalls mit dem frischen todbringenden Grün in Verbindung kommen! Nur SIE ganz alleine kann die richtigen Pflänzlein und Kräuter für das magenkranke Tier zusammenstellen, damit es den Hauch einer Chance hat, die gefahrvolle Zeit des Anweidens zu überleben.

Also legt sie sich jedes Frühjahr aufs neue quer in die Botanik und an den nächsten frisch gegüllten Ackerrain, um hier direkt nach der Schonzeit den nichtsahnenden Sauerampfer, die kleine infantile Küchenmelde und den dollen Dillendapp (besser bekannt als Blutwurz) zu jagen. Dabei zerlegt sie, leise autistisch vor sich hinsummend, mit den stumpfen Blättern der Kleinkinderschere fachmännisch diverse noch jungfräuliche Löwenzahn-Stengel zu Brei. Akribisch zupft sie hier ein Blättchen und dort ein Kräutlein. Und wenn man es nicht besser wüsste, würde man davon ausgehen, dass mit einem baldigen Ableben des Ehemannes zu rechnen ist – vorzugsweise kurz nach der Verkostung des langsam in dem Fresseimer vor sich hin welkenden Frühlingssalates.

Nach geschätzten 2 Stunden ist der Fresseimer ¼ voll und wird mit einem Ausdruck höchster Zufriedenheit dem magenkranken Tier kredenzt, welches den Eimer voll verwelktem Grün nüsternrunzelnd komplett verschmäht. Das Anweiden des Pferdes von Person A zieht sich übrigens aufgrund dieser Komplikationen gerne bis in den späten September hinein. Gerade rechtzeitig zum Aufstallen der restlichen Pferde hat sich dessen gastrointestinales Gewebe an die ungewohnte Frischkost gewöhnt. Nur Schade, dass nun der Winter mit den ersten harten Frösten dräut. Aber es hat das Frühjahr und die lebensgefährliche Anweidezeit damit auch dieses Jahr wieder überlebt. Dem heiligen Georg sei Preis und Dank dafür!

Doch verlassen wir Person A und schauen einmal, wie es Person B geht. Denn Person B hängt – wie jedes Frühjahr – am Ende einer Longe. Ungefähr so, wie ein kleiner pummeliger Drache im frischen Frühlingswind. Nur, dass Drachen selten matschverkrustete Gummistiefel tragen – eine Tatsache, die leider historisch kaum belegt ist – selbst in Grimms Märchen nicht – aber ich schweife ab! Das best-nicht-erzogenste Pferd im Stall befindet sich also zu diesem Zeitpunkt geschätzte 41,8 Meter vor Person B auf der vom Bauern soeben frisch eingesäten Weide und zupft verträumt die 2mm langen frischen Triebe. Und während Person B sich noch fragt, wieso es eigentlich keine Flexi-Leine für Pferde mit fest verankerter 2-Tonnen-Seilwinde (oder alternativ eine handliche Walharpune samt Trawlerschiff) zur unkomplizierten finalen Pferdeentfernung von Weiden gibt, wird sie von

Person C

überholt. Person C ist antiautoritär eingestellt und hat daher soeben – wie jedes Frühjahr – die Boxentüren ihrer 2 jungen Araberhengste geöffnet. Diese sind ja schon aus dem Gröbsten raus und sollen endlich einmal mehr Verantwortung für sich selbst übernehmen! Daher startet nun das Projekt „Weidet Euch doch selber an!“, denn das Projekt „Ich weide Euch an“ war im letzen Frühjahr aufs kläglichste an der nicht vorhandenen Halfterführigkeit der damals 6-jährigen Jungspunde gescheitert. Die beiden „Jungs“ haben gerade auf die ihnen eigene prachtvolle Art den Hof binnen 2 Millisekunden fröhlich buckelnd überquert und biegen nun aus der Stalleinfahrt – einen kleinen Staubschweif hinter sich herziehend – direkt auf die Landstraße ab, um zu den etwas weiter entfernten Sommerkoppeln zu gelangen. Eine Tatsache, die Person C mit zufriedenem Nicken erkennt. Da ist sie wieder zu bewundern – die sprichwörtliche Intelligenz des Araber-Pferdes! Person C verfällt daher in einen langsamen, fast schon meditativ zu nennenden Schleichgang – man wird sich ja hoffentlich spätestens in 2 km auf der Sommerweide wiedersehen. Um die beiden fröhlich tollenden Araber dann wieder dingfest zu machen, zählt sie – wie jedes Frühjahr – insgeheim schon auf die tätige Mithilfe des Bauern. Der wird – beflügelt durch ausreichend Adrenalin aufgrund des Vorfalls mit Person B und den angeknusperten Sämlingen – sicherlich zu neuen Sprint-Höchstleistungen fähig sein.

Doch verlassen wir nun auch Person C auf der von Unfallautos gesäumten Landstraße (der Frühling lockt ja bekannterweise die Sonntagsfahrer mit Ihren Mercedes SLK sowie die ersten Motorradfahrer hervor, die aus unerfindlichen Gründen nichts für die Schönheit eines die Straße entlang galoppierenden Araberhengstes übrig haben und auch nicht damit zu rechnen scheinen) und schauen rüber zum Pferd von Person D, welches gerade den Sonnengruß, das Kompliment und die russische Raupe probt. Alles zugleich, so sieht es zumindest aus. Denn mit einem wagemutig bis zum Spagat vorgegrätschten Vorderbein und einem darauf überaus anmutig abgelegten Hals versucht es mit nahezu tapiresk vorgewölbten Lippen das kleine übermütige Lolium Perenne (Lol! Deutsches Weidegras) zu erreichen, welches, der tasthaarbestückten vierbeinigen Gefahr nicht gewahr werdend, geschätzte 2,17 m vor dem Paddockzaun verträumt ein Sonnenbad nimmt.

Besonderes Augenmerk sollten wir hier auf den Pferderücken legen, welcher sich – einer sich im Sturm verwerfenden Hängebrücke gleich – in merkwürdigen aalgleichen Winkelungen und Windungen von Widerrist zu Kruppe spannt. Morgen wird die verzweifelte Besitzerin D dann zum 74ten Mal in diesem Frühjahr die Osteopathin, den Schlachter sowie eine reinkarnierte Heilschamanin aus Lappland einfliegen lassen, da ihr Pferd auf mysteriöse Weise schon wieder über Nacht völlig unerklärbare abartige Rückenprobleme entwickelt hat.

Und während Person D leicht entnervt gerade die Schlagworte „Kissing Spines“, „Kinderlähmung bei Pferden“ und „Gnome, Trolle, Hexenschüsse“ bei Google eingibt, wandert unser geneigtes Auge weiter zu Person E, welche mit einer Stoppuhr bewaffnet neben ihrem Pferd steht. Sie ist übrigens mitnichten Mathematik-Lehrerin und auf der Suche nach der Konstante aus a) weidendem Pferd b) Außeneinflüssen während des Weidevorganges und c) der relativen Mondfeuchte in Korrelation zur Länge der Menopause der Besitzerin. Nein. Es handelt sich um den Typus der „Equidae Anweidicinus Panicidae“ (kurz EAP) – jener Gattung der Pferdebesitzer, die grundsätzlich davon ausgeht, dass es nur eine Millisekunde zu langes Grasen benötigt, um ein Pferd im Frühjahr auf der Stelle auf die ewigen Weidegründe galoppieren zu lassen. Dieser Typus beginnt mit der akribischen sekundengetakteten Anweidephase in der Regel zwei Jahre vor Beginn der Weidesaison. Denn nur so kann sichergestellt werden, dass das Pferd nicht ein Molekül zuviel von jener bekannterweise für Equiden tödlichen grünen Pflanze in den Magen bekommt. Da kann man nie zu vorsichtig sein

Leider fallen alle anderen Tätigkeiten rund ums Pferd (wie z.B. reiten – wie unverantwortlich!) dem ausgeklügelten Anweideplan zum Opfer. Soziokulturelle Studien beweisen, dass dieser Typus von Pferdebesitzern besonders häufig von Armut, Arbeitslosigkeit und totaler Vereinsamung betroffen ist. Denn nicht jeder bringt das nötige Verständnis und das tiefe Wissen um die komplizierten Darmvorgänge unserer befellten Grasinhalatoren mit. Und so reagieren Arbeitgeber häufig mit völligem Unverständnis auf die konstruktiven und phantasievollen Arbeitszeitvorschläge einer EAP. Nicht selten folgt eine Kündigung und der Ehepartner verwechselt die EAP mit der Putzfrau, die doch sonst auch nur Dienstags von 11:00 bis 12:00 Uhr in der Wohnung ist. Und so beginnt der unaufhaltsam der soziale Abstieg. Nur in kleinen Stallgemeinschaften finden sich die letzten Refugien für diese verkannte Spezies von Pferdebesitzern, einsam, am Rande der Gesellschaft fristen sie ihr Leben im Sekundentakt des Anweidens.

Freundlicherweise bekam ich von einer völlig vereinsamten EAP in einer etwa eine Millisekunde andauernden Anweidepause den untenstehenden exemplarischen Anweideplan in die Hand gedrückt. Unschwer zu sagen, wessen Matyrium das Größte ist: Das des Pferdes, das der EAP oder das des betreuenden Tierarztes. Doch schauen Sie selbst, geneigte Leserschaft:

Montag, 05:47 Uhr – 05:53 Uhr – Anweiden – kurzes Rispengras – bis maximal 8,9 mm

Montag, 05:54 Uhr – Vergewissern, das Pferd noch lebt

Montag, 06:21 Uhr – 06:22:05 – Anweiden – Löwenzahn – Vorsicht! Blähend!

Montag, 11:35 Uhr – Darmultraschall Pferd und Reiterin

Montag, 11:42 Uhr – 11:51:09 – Anweiden, längeres Weidegras bis 15 mm – Achtung! Kolikgefahr!

Montag, 11:52:19 Uhr – Tierarzt wegen leichter Blähgeräusche anrufen

Montag, 11:53:20 Uhr – Erkennen, dass der Tierarzt NICHT helfen kann, wenn der Besitzer Darmgeräusche hat

Montag, 12:10 Uhr – 12:14 Uhr – Anweiden- Marihuana-Plantage des niederländischen Nachbarn – beruhigt den  aufgeregten Darm von Pferd und Reiterin

Montag, 12:15 Uhr – 12:17 Uhr Stallruhe

Montag, 12:18 Uhr – 13: 59 Uhr Anweiden

Montag, 14:03:56 Uhr – CT um sicherzustellen, das Darm des Pferdes arbeitet

Montag, 15:48 Uhr – 15:55 Uhr – Stallruhe

Montag, 15:56 Uhr – 15:59 Uhr – Darm-Massage mit erwärmten Gallensteinen des ausgestorbenen obersteirischen Schrei-Dodos

Montag, 16:01 Uhr – Einschläfern des Pferdes wegen Stresskolik

 

Montag, 17:33 Uhr – 17:41 Uhr Anweiden des neuen Pferdes…

In krassem Gegensatz zu Person E steht übrigens Person F, die der Überzeugung ist, dass diese verdammte Anweidehysterie jedes Jahr mehr zunimmt und absolut unsinnig und überbewertet ist und doch nur von hormongesteuerten Weibern wie A, B, C, D und E stammen kann, die ihre Kinderlosigkeit mit Hilfe von Pferden, Katzen und Hunden kompensieren müssen. Person F weidet seine Pferde mit der schon unter Kaiser Fritz altbewährten 24er-Regel an: Wenn der Gaul die ersten 24 Stunden im frischen Gras überlebt, passt das schon und er (also der Gaul) wird sogleich kriegstauglich gemeldet. Wenn nicht, ist es wieder einmal ein Beispiel für die Verweichlichung der toitschen Pferdezucht innerhalb der letzten 40 Jahre. In den Ardennen hat man schließlich auch keine Zeit fürs Anweiden gehabt, nech?!

Die Realität ist ganz anders, sagt Ihr? Die Personen A bis F sind traurige Einzelfälle und in keiner Weise repräsentativ für die Untaten während der Anweidezeit im Frühjahr? Natürlich sind sie das nicht. – Sonst befände sich der Pferdestallbesitzer sicherlich schon längst neben so wundervollen Berufen wie dem Haderlumpen, dem Gasriecher, der Salzmutter oder dem flinkhändigen Nestler auf der roten Liste der ausgestorbenen Berufsbilder. Und das wäre ja dann auch schade. Irgendwie.

 

10 Kommentare
  1. Ha! Ich hab grad Tränen gelacht! Super… wie im richtigen Leben hald! ;-)

  2. Endlich mal wieder ein Text bei dem ich wirklich Tränen gelacht hab! Ist super wenn man auf diese Art den Spiegel vorgehalten kriegt, wir Reiter sind halt ein seltsames Volk! Bitte mehr davon!

  3. Habe gerade überlegt woher Du unseren Stall kennst :-P

    Genial!!!

    LG
    Börgi

  4. Einfach göttlich werde ich gleich im Stall aushängen :-D

  5. Vom feinsten!!!!!!!!! Danke dafür und mehr davon….

  6. Hahaha wie geil. Ähnlichkeiten sind immer wieder an verschiedensten Ställen erkennbar. *wieher*

    (Und wenn ich das aushänge, werde ich bestimmt gelyncht.) ;o)

  7. HaHa :-) Genial geschrieben. Danke!!!

  8. Haha also wirklich sehr genial – ich sehe unseren Stall im Frühing vor mir =D Muss echt lachen…
    Hoffe ist in Ordnung wenn ich den Text mal nächsten Frühling bei uns in Stall hänge ;)

  9. Vielen, vielen Dank für diesen tollen Text! Ich hatte Tränen in den Augen und Bauchschmerzen vom Lachen. Dein Schreibstil ist unglaublich toll! :)

  10. Ich heul gleich vor Lachen !
    Habe vor ein paar Tagen in einem Forum gelesen, wie eine Dame ihr Pferd anweidet, sie ist nach 4 Wochen Anweidezeit nun bei 15 Minuten und hat mit 5 angefangen. Und nun diesen Super Text ! Ich liebe alle deine Texte, Videos und dein Buch Sady, aber bitte bitte gib uns mehr Motzwurf !

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