Zirkuslektionen und Clickertraining – mit positiver Verstärkung zu einem partnerschaftlichen Miteinander

Pferdetraining mit der Fußlonge – aus Spaß wird Ernst

Nach dem tragischen Tod eines Pferdes auf einem Zirkuslektionkurs eines bekannten Trainers, dass sich beim Training mit der Fußlonge überschlug und das Genick brach, flammt die Diskussion um die Benutzung der Fußlonge wieder auf. Zu Recht, meiner Meinung nach. Denn diese beinhaltet selbst bei "sachgemäßer" Anwendung ein nicht unerhebliches Risiko. Schnell wird so aus Spaß Ernst, wenn man Grenzen überschreitet und nicht das Wohl des Pferdes im Vordergrund steht.

Gewöhnung an die Fußlonge

Als 2010 mein Buch "It's Showtime - Zirkuslektionen: Lernspaß für Pferd und Mensch" erschien, war mein Wunsch, verschiedene Wege zu den Zirkuslektionen zu zeigen. Zu dieser Zeit habe ich auch hin und wieder die Fußlonge eingesetzt. Weil schon damals sehr viel "schlechtes Training" damit zu beobachten war, wollte ich zumindest zeigen, dass dies nicht so sein muss und den Teilnehmern die Wahl lassen, welche Methode sie bevorzugen. Als die Kurse mehr wurden, zeigten sich im Training die Probleme, die bei regelmäßiger Betreuung der Schüler nicht auftauchten: Die Vorbereitung mit der Fußlonge beanspruchte viel Zeit und führte schnell zu Überforderung von Pferd und Mensch. Die Pferde mussten zumeist über einen längeren Zeitraum gewöhnt werden und außerdem bereits gut ausgebildet sein, der Mensch brauchte ein gutes Timing und ziemlich gute koordinative Fähigkeiten. Schneller ging da gar nichts - netter wurde es dadurch auch nicht, weder für Pferd noch für Mensch. Schon gar nicht, wenn die Schüler dies allein probierten, weshalb ich mich sehr schnell von der Fußlonge verabschiedete und auch die Notwendigkeit sah, den Großteil dieses Kapitels aus zukünftigen Ausgaben des Buches zu streichen und nun auch noch die letzten "Überbleibsel" plane, zu überarbeiten.

INFO ZUR FUSSLONGE: Bei der Erarbeitung von Zirkuslektionen mit der Fußlonge wird das wird ein entsprechend geeignetes Gurtband um den Pferdebauch gelegt und unter diesem hindurchgeführt. Während ein Vorderbein in die Schlaufe gelegt wird, hält der Ausbilder das andere Ende der Longe in der Hand. Das Pferd wird nun in den meisten Fällen über einen Zug am Zügel rückwärts gerichtet. Der weitere Verlauf hängt vom Trainer ab. Während "feinere" Trainer das Herunterwiegen gut vorbereiten und durch Futterlob unterstützen, üben andere Trainer hier mehr Druck aus und das Pferd bekommt erst eine Bestätigung durch Druck nachlassen oder ggf. Futter, wenn der gewünschte Grad der Absenkung erfolgt, oder sogar das Pferd am Boden angekommen ist. In der weiteren Ausbildung mit der Fußlonge wird das Pferd mit Hilfe der Fußlonge auch zum Hinknien oder Ablegen gebracht, nicht selten unter Einsatz einer zweiten Fußlonge oder zweiten Person. Der Grundaufbau des Trainings mit der Fußlonge ist das Prinzip von "Druckaufbau und Nachgeben". Selbstverständlich kann dies auch schonend und entsprechend vorsichtig geschehen - die Praxis zeigt jedoch häufig andere Bilder. Letztlich muss dies jeder für sich und sein Pferd selbst entscheiden. Wer dennoch mit Fußlonge trainieren möchte, sollte sich einen Trainer vor Ort suchen, der dem Pferd genügend Zeit gibt und Pferd und Mensch regelmäßig betreut.

"Brot und Spiele" - Oft auf Kosten der Pferde

Als die Zirkuslektionen populärer wurden, erkannten viele Trainer die vermeintlichen "Vorteile" der Fußlonge und Kompliment, Hinknien und Ablegen wurden im Schnellverfahren an einem Wochenende trainiert, was häufig in Zwang ausartete, der natürlich auch mit einem gewissen Risiko einherging. Oft war sie die buchstäbliche Rasierklinge in der Hand eines Affen - und dass galt leider nicht nur für unerfahrene Pferdebesitzer, sondern auch für professionelle Trainer und gilt auch heute noch. Dabei trifft die Pferdebesitzer hier die wenigste Schuld, denn als dieser vertraut man auf die Meinung von Experten und renommierten Trainern und lässt sich leicht beeinflussen. Nicht selten schaltet man dabei sein eigenes Bauchgefühl aus, weil man die Kompetenz des Trainers nicht vor "versammelter Mannschaft" in Frage stellen möchte.

Vertrauen auch ohne Fußlonge

Wie man es dreht und wendet, wer das Kompliment mit positiver Verstärkung über Futterbelohnung trainiert, der wird von der Fußlonge auch schon aus ideologischen Gründen Abstand nehmen. Wem es ohne Fußlonge nicht schnell genug geht oder wer ein Druckmittel benötigt, um dem Pferd "zu erklären", was es tun soll und was es wieder aufstehen darf oder das ein "Nein" nicht akzeptabel ist, der wird wahrscheinlich eher auf die Fußlonge zurückgreifen. Gewalt begann schon immer, wo Wissen endet (und ja, der Begriff Gewalt ist natürlich Auslegungssache ...) Zudem empfinde ich die Benutzung der Fußlonge in Zeiten, in denen wir uns so viel Gedanken wie nie zuvor über pferdegerechtes Training machen, als nicht mehr zeitgemäß.

Nun kann man das ganze natürlich durchaus schönreden, weil man auch beim Herunterlocken nicht immer nur gelungene Bilder sieht und so den gymnastischen Vorteil der Fußlonge als Rechtfertigung nimmt. Dabei produziert man mit Fußlonge sehr häufig ein sich im Rücken festhaltendes, in der Brustwirbelsäule hängendes Pferd, dass seinen Körper falsch einsetzt. Ich sehe in der Tat kaum "gymnastisch Wertvolle" Zirkuslektionen, die mit der Fußlonge trainiert wurden, insbesondere, wenn es um die Rückenmuskulatur geht. Und das gilt nicht für den Trainingsprozess, sondern für das fertige Endprodukt. Auch das Gewicht des Pferdes, dass der Mensch nicht tragen könne, hält oft als Argument her, die Fußlonge zu verwenden. Dabei hält der Mensch bei richtigem Training auch ohne Fußlonge nur das Eigengewicht des Pferdebeines in seiner Hand, schließlich soll das Pferd von Anfang an selbständig arbeiten.

Die Fußlonge als Hilfsmittel ist oft nicht pferdefreundlich und zeitgemäß
Das Kompliment lässt sich anatomisch korrekt auch ohne Fußlonge, durch Locken, erarbeiten

Tatsächlich kann man mit der richtigen Technik sehr effizient und gymnastisch sogar wertvoller ganz ohne Fußlonge, nur mit positiver Verstärkung zu einem Kompliment kommen - bei deutlich weniger Risiko. Freilich orientiert sich das Lerntempo hier am Pferd, seinen Fähigkeiten und der physischen Konstitution (und am Ende natürlich auch am Menschen) und so dauert es bei manchen eben länger. 

Doch hier geht es weder um Schnelligkeit noch um Spektakularität. Es geht darum etwas mit dem Pferd und für das Pferd zutun und da passen potentielle Zwangsmittel nicht ins Bild. Selbst wenn sie mit Vorsicht und Bedacht eingesetzt würden, bleibt ein Restrisiko, das stets abzuwägen gilt. Arbeitet man über die Anspannung oder sogar Wehrhaftigkeit des Pferdes hinweg, indem man den Druck aufrechterhält, steigt dieses Risiko an. Für mich war es leider nur eine Frage der Zeit, bis eine solche Tragödie passiert. Schließlich ist das nicht das erste Mal gewesen, dass sich ein Pferd auf einem Kurs mit Fußlonge überschlägt, weil "es da durch muss, damit es das versteht". Es ist auch nicht das erste Mal, dass sich ein Pferd hierbei verletzt. Im Gegenteil. Und hier sprechen wir jetzt von körperlichen Folgen, noch nicht einmal von den Narben, die eine solche Behandlung auf der Pferdeseele hinterlässt - selbst wenn es am Ende das Kompliment einwandfrei beherrscht. Wer immer wieder mit dem Feuer spielt, darf sich nicht wundern, wenn er sich irgendwann verbrennt. Nur, weil es immer gut gegangen ist, heißt das nicht, dass es richtig ist und weiterhin gut geht. Und das bezieht sich nicht auf einen bestimmten Trainer oder eine bestimmte Trainerin, denn diese Trainer gibt es leider zu häufig. Deshalb ist es auch überhaupt nicht notwendig, Namen zu nennen, denn an dessen Stelle hätte es auch jemanden anderes treffen können.

Zirkuslektionen sind Training FÜR das Pferd

Aber auch ich erlebe in meinen Kursen häufig, dass Pferdebesitzer hohe Ansprüche haben und am Ende träumen die meisten doch davon, dass das Pferd sich vertrauensvoll neben sie legt - und ich verstehe sie so gut. Wer findet diesen Gedanken nicht zum Träumen? Aber welchen Wert hätte dies, wenn es nicht aus Freiwilligkeit resultiere, sondern aus der Alternativlosigkeit. Und auch ich bin nicht ohne Fehler und musste dies erst schätzen lernen. Es mag sein, dass der Weg ohne Fußlonge länger dauert und es mag sein, dass sich so manch ein Pferd ohne "einfach mal mit der Fußlonge unten halten, bis es liegt" nie hinlegt - aber ist nicht auch das ein Statement des Pferdes? Und aufgeschoben heißt ja nicht aufgehoben - ein "jetzt nicht" wird sehr häufig zu einem "vielleicht später", wenn man dem Pferd genügend Zeit lässt. Häufig empfehle ich, mal eine ganze Zeit überhaupt nicht am Liegen oder Knien zu arbeiten und auf einmal passiert es von ganz allein. Zirkuslektionen sollten nicht der Befriedigung des eigenen Ehrgeizes dienen, sie sind eine Chance, einen anderen Zugang zum Pferd zu bekommen und die Beziehung zu vertiefen. Wenn man all dies berücksichtigt, physiologische und psychologische Förderung, angewandte Lerntheorie, Motivation, Vertrauen, Verständnis - dann kenne ich kaum ein "Pferdehobby", was so viele positive Aspekte mit sich und so ganzheitlich angewandt wird.

Ein "Nein" des Pferdes respektieren können

Man kann nur hoffen, dass die Szene lernt und auch Pferdebesitzer lernen, "Stop" zu sagen, selbst wenn Ihnen der Trainer kompetent erscheint, selbst wenn dort 30 Zuschauer sitzen, selbst wenn man es sich noch so sehr wünscht. Wir müssen lernen, dem "Nein" eines Pferdes wieder mehr Bedeutung zukommen zu lassen, es wieder erkennen lernen und unserem Pferd mehr Glauben zu schenken, als irgendeinem Trainer, sei er auch noch so erfolgreich, mit dem was er tut. Der Respekt gegenüber einem Lebewesen zeigt sich in dem Respekt vor seinem "Nein". Und auch, wenn ich sonst mit der Begründung "Bauchgefühl" sehr zurückhaltend bin, in dieser Hinsicht darf man ruhig einmal mehr in sich hinein hören und dem Pferd einfach mal in die Augen schauen und im Zweifel lieber eigene Ansprüche und Wünsche zurückstellen. Keine Zirkuslektion dieser Welt ist es wert, die physische und psychische Gesundheit des Pferdes zu gefährden.

Zirkuslektionen sind für das Pferd

Zirkuslektionen bringen Freude und Spaß in den Pferdealltag und sind eine gute Möglichkeit, sich mit positivem Pferdetraining zu befassen. Bei richtiger Ausführung haben die klassischen Zirkuslektionen außerdem einen hohen gymnastischen Wert. Regelmäßiges Training beugt durch Dehnen und Kräftigen von Sehnen, Bändern und Muskulatur Verletzungen vor und hilft, Verspannungen zu lösen. Das Gleichgewicht und die Koordination des Pferdes werden spielerisch geschult. Die herausragende Stärke der zirzensischen Arbeit ist jedoch die Entwicklung von Pferd und Mensch auf mentaler Ebene. Sie fördern Kommunikation, Lernfähigkeit und Vertrauen fernab von Leistungsdruck und sonstigen Zwängen.

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9 Kommentare
  1. Erwähnt wurde hier leider nicht, dass das betroffene Pferd ein absoluter „Steiger“ war und der Trainer hier offensichtlich „ins offene Messer“ geschickt wurde!
    Ich verurteile auch Gewalt bei der Pferdeausbildung – egal ob körperliche oder seelische – aber wenn man nicht persönlich anwesend war und dem Trainer auch nicht persönlich kennt, kann man man sich überdie Person selber KEIN Urteil erlauben!

    • Nun, das ist die Version des Trainers. Aber abgesehen davon, wenn dem so wäre, das merkt man erst, nachdem sich das Pferd bei drei Versuchen unabhängig voneinander überschlägt? Wenn das Pferd tatsächlich ein Steiger gewesen wäre, dann wäre das wohl schon beim ersten Versuch aufgefallen und man hätte die Sache beenden müssen, notfalls mit der Argumentation „Dieses Pferd ist ein Steiger“. Aber diese Argumentation kam erst, nachdem das Pferd schon tot war zur Sprache. Und abgesehen davon, kenne ich den Trainer und die Beteiligten sehr wohl 😉

  2. Sehr schön beschrieben und Kompliment für die offene Art mit dem ehemaligen Fehler umzugehen.
    Wichtig beim Lernen und Lehren ist, dass man sich weiterentwickelt und bestehende Techniken auch mal in Frage stellt.
    „Das haben wir schon immer so gemacht“ bedeutet nicht, dass es auch gut ist.
    Früher hat man auch die Rollkur als legitime Ausbildungshilfe benutzt, das ist Gott sei Dank nicht mehr erlaubt.

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