Die Frage, ob es zwischen Mensch und Pferd eine Rangordnung gibt oder diese nur Wunschdenken und somit ein Mythos ist, hält sich bereits seit Jahren über Wasser. Doch ist diese Frage wirklich wichtig für unser Zusammensein mit den Pferden oder hält sie uns nur in unserer Entwicklung auf?

Gemeinsam Spaß haben, statt sich mit Dogmen aufzuhalten!

Als ich vor vielen Jahren anfing, mich mit Pferden auf eine andere Art und Weise auseinanderzusetzen, war das “Alternative Bild” geprägt von dem Gedanken, der Mensch müsse das Pferd beherrschen. Nur wenn es den Menschen als ranghoch akzeptiere, könne das Pferd sich dem Menschen anschließen,  der als “Chef im Ring” seine Position verteidigt. Vor dem Hintergrund der natürlichen Herdenkonstellation klang mir das plausibel und fortan habe ich meinen “Rang” verteidigt.

Heute wird in verschiedenen Studien dargestellt, dass eine artübergreifende Rangordnung zwischen Mensch und Pferd im Grunde nur eine schöne Illusion ist und dass selbst in der Herde die Hierarchie nicht immer klar geregelt ist und wechselt. Trotzdem ist das Wort Dominanz und Herdenchef dennoch nicht wegzudenken und immer wieder offenbar “Standardlösung”, wenn es Probleme zwischen Mensch und Pferd gibt.

Nun könnte man Stunden, Tage, Wochen und seitenweise über die Frage “Gibt es eine Alpha-Theorie” diskutieren. Ich selbst habe Jahre damit verbracht, weil ich mich nicht entscheiden konnte, was ich glaube und was nicht. Auch als ich für mich eine Erkenntnis gewonnen hatte, habe ich sehr schnell aufgehört, meinen Schülern einfach nur zu erklären, warum das meiner Meinung nach nicht zutrifft, sondern ich habe angefangen, Fragen zu stellen, um die Leute zum Nachdenken anzuregen, damit sie ihre eigene Wahrheit entdecken konnten.

“Warum glaubst du, dass Dominanz etwas ändert?” und “Was bedeutet Dominanz für dich?” habe ich gefragt und eigentlich immer ähnliche Antworten erhalten.

Ein respektvolles Miteinander, die Möglichkeit, in schwierigen Situationen die Führung zu übernehmen und das Pferd in Sicherheit zu wiegen. Auch das eigene Sicherheitsbedürfnis ist ein großer Motivator! Das Pferd soll sich einem anschließen, motiviert mitmachen, weil es weiß, dass wir nur das Beste für es wollen. Vertrauen soll es haben, gerne mit seinem Mensch zusammen sein und ihm möglichst blind überall hin folgen. Auch der Wunsch nach Harmonie, nicht ständig mit dem Pferd “diskutieren” zu müssen, spielt offenbar eine große Rolle. Und naturgemäß möchte Mensch auch gerne immer das letzte Wort haben   😉

Diskutierst du noch oder trainierst du schon?

Öfter mal dem Pferd zuhören können!

Auch ein „dominantes Pferd“ ist häufig ein Grund, selbst dominanter sein zu wollen. Doch ist ein dominantes Pferd nicht vielmehr Symptom als Ursache? Ein dominant wirkendes Pferd ist letztlich auch nur ein Pferd, das sich nicht wie gewünscht verhält – ein “unerzogenes” Pferd, welches (noch) nicht gelernt hat, sich richtig zu verhalten.

Die Beziehung zwischen Pferd und Mensch soll also ganz ähnlich einer gewissen Konstellation zwischen den Mitgliedern einer Pferdeherde sein. Das ist verständlich und nachvollziehbar für mich.

Doch wie genau erreichen wir eine solche Beziehung? WANN macht es einen Unterschied in der Arbeit, ob die Theorie vom Alpha-Tier nun Wahrheit oder Märchen ist? In vielen Jahren habe ich genau darauf eine Antwort gesucht. Fast immer spielt diese Theorie nur dann eine Rolle, wenn der Mensch gegenüber dem Pferd eine Forderung durchsetzen möchte und dazu Druck benötigt. Insbesondere dann, wenn mehr Druck notwendig scheint, als man üblicherweise nutzt oder nutzen möchte. Ist Dominanz also häufig nur eine Legitimation, Druck anzuwenden und letztlich seine Forderung um jeden Preis durchzusetzen, “weil es so sein muss”? Ist es nicht häufig so, dass man eigentlich weniger Druck anwenden möchte, doch die Rangordnungstheorie in der Entfaltung anderer Möglichkeiten eher hinderlich ist? Ist diese Theorie vielleicht sogar der Grund, überhaupt so viel Druck im Training anzuwenden?

Meiner Meinung nach ist genau das eine der Kernfragen in der Pferdeausbildung. Zu häufig wird Zeit, besserer Trainingsaufbau, gutes Timing, Belohnung (und das nicht zwingend in Form von Futter) durch pauschale Anwendung von (mehr) Druck ersetzt, statt an seinen Qualitäten als Trainer zu arbeiten. Dabei sind genau dies wichtige Voraussetzungen, um eine gute Beziehung zwischen sich und seinem Pferd herzustellen. Wer hier nicht an seinen Fähigkeiten arbeitet, dem bleibt letztlich nur die Anwendung von Druck um ein gewünschtes Verhalten zu erzielen.

Falsches Verständnis kann zu Entfremdung führen

Falsches Verständnis kann zu Entfremdung führen

 

Auch ich arbeite nicht vollständig ohne Druck, da ich der Ansicht bin, dass viele Dinge des täglichen Umgangs, aber auch meiner Zusammenarbeit mit dem Pferd in der Grundlage bedeuten, einem gewissen Druck zu weichen. Doch zwischen Druck als Information, also dem Etablieren von Druck als Signal und dem Anwenden von Druck zum bloßen Durchsetzen von Forderungen liegen häufig Welten.

Natürlich brauchen wir Verhaltensregeln und einen “Pferde-Knigge”, natürlich darf es Grenzen im Pferdetraining geben, doch wer mit den entsprechenden Fähigkeiten eines guten Trainers ausgestattet ist, der braucht keine Legitimation zur Anwendung von Druck im Training, denn er weiß, wie er sein Pferd lehren kann, sich richtig zu verhalten, ohne ihm fortwährend das Alpha-Tier vorleben zu müssen. Statt viel Zeit und Energie in Diskussionen zu verschwenden, was nun dran ist an der Dominanztheorie, sollten wir uns lieber mehr Gedanken über die Kriterien guten Trainings machen – hierzu gehört ganz sicher nicht nach Gründen für die Anwendung von Druck zu suchen.

© 2013 – Sylvia Czarnecki www.motionclick.de – Best Behavior Horsetraining