Negative VerstärkungKaum jemand kann sich frei davon machen, nicht zumindest ab und an negative Verstärkung anzuwenden. Der Großteil der Menschen, wird diese Trainingsmethode jedoch häufiger anwenden, als es ihnen jedoch bewusst ist. Stattdessen fühlen sich Menschen oft angegriffen, wenn man ihnen erklärt, dass ihr Training auf dem Prinzip der negativen Verstärkung  aufbaut, weil sich das im ersten Moment nicht besonders gut und freundlich anhört. Dabei hat negative Verstärkung zunächst einmal nichts mit Strafe zu tun, sondern dient genau wie die positive Verstärkung dazu, erwünschtes Verhalten zu bestärken.

Bei der negativen Verstärkung wird die Wahrscheinlichkeit, dass ein Verhalten auftritt, erhöht, indem als Konsequenz dessen etwas Unangenehmes entfernt wird. Wenn Sie zum Beispiel möchten, dass Ihr Pferd rückwärtsgeht, können Sie Druck an der Brust ausüben, bis ihr Pferd weicht. Das Nachlassen des Drucks würde das Pferd darin bestärken, dass es dem Druck rückwärts weicht. Das Pferd lernt  also, weil es etwas Unangenehmes vermeiden möchte und wird belohnt, weil bei richtiger Reaktion eine Form von Erleichterung eintritt, nämlich das nachlassen bzw. Entfernen des unangenehmen Reizes.

Da zunächst in irgendeiner Weise Druck bzw. ein unangenehmer Reiz hergestellt werden muss, der dann als Bestärkung wieder entfernt wird, ist das Pferd, anders als bei der positiven Verstärkung, reaktiv. Es reagiert auf den Druck und versucht mit seiner Reaktion zu bewirken, dass dieser nachlässt. Hat es die richtige Lösung gefunden, wird es diese in Zukunft häufiger anbieten.

Während das Pferd im Training mit positiver Verstärkung das gewünschte Verhalten ggf. einfach nicht zeigt, wenn der Trainingsaufbau nicht entsprechend gestaltet ist, ist es mittels negativer Verstärkung nur allzu leicht, das Pferd zu einer Reaktion zu „zwingen“ und so über einen unzureichenden Trainingsaufbau hinwegzutäuschen. In der Regel wird viel mehr Druck angewendet, als notwendig. Dabei sollten die Prinzipien zur Arbeit mit positiver Verstärkung ebenso für das Arbeiten mit negativer Verstärkung gelten und bereits kleinste Annäherungen an das Zielverhalten dafür sorgen, das Pferd zu bestärken. Leider werden etwaige Rangordnungstheorien häufig zur Legitimation von Druck vorgeführt, statt sein Training zu überdenken und dem Pferd so Gelegenheit zu geben, seine Aufgabe zu verstehen und wahrzunehmen.

Meiner Meinung nach ist genau das eine der Kernfragen in der Pferdeausbildung. Zu häufig wird Zeit, besserer Trainingsaufbau, gutes Timing, Belohnung (und das nicht zwingend in Form von Futter) durch pauschale Anwendung von (mehr) Druck ersetzt, statt an seinen Qualitäten als Trainer zu arbeiten. Dabei sind genau dies wichtige Voraussetzungen, um eine gute Beziehung zwischen sich und seinem Pferd herzustellen. Wer hier nicht an seinen Fähigkeiten arbeitet, dem bleibt letztlich nur die Anwendung von Druck um ein gewünschtes Verhalten zu erzielen.

280515_242560895767513_559103_oAuch ich arbeite nicht vollständig ohne Druck, da ich der Ansicht bin, dass viele Dinge des täglichen Umgangs, aber auch meiner Zusammenarbeit mit dem Pferd in der Grundlage bedeuten, einem gewissen Druck zu weichen. Doch zwischen Druck als Information, also dem Etablieren von Druck als Signal und dem Anwenden von Druck zum bloßen Durchsetzen von Forderungen liegen häufig Welten. Um es einmal mit Paracelsus Worten zu sagen: „Die Menge macht das Gift!“.

Stellen Sie sich vor, jemand rauscht in einer überfüllten Fußgängerzone auf Sie zu und wirft sie „Platz da!“ rufend fast von den Füßen, hätten Sie gerne Platz gemacht? Wie wäre es Ihnen lieber gewesen? Wie hätten Sie sich gefühlt, wenn jemand sie höflich gebeten hätte, zur Seite zu gehen und dabei freundlich ihre Schulter berührt hätte? Und hätte derjenige „Danke“ gesagt, würden Sie beim nächsten Mal wieder zur Seite gehen? In beiden Fällen handelt es sich um negative Verstärkung

Dennoch ist die Grundmotivation zunächst anders als bei der positiven Verstärkung. Denn während das Pferd bei der positiven Verstärkung keine unangenehmen Folgen zu erwarten hat, wird der Druck bei der negativen Verstärkung aufrecht erhalten oder ggf. sogar erhöht, bis das Pferd die gewünschte Reaktion zeigt. Doch auch hier gilt: reagiert das Pferd wiederholt falsch oder gar nicht, zeigt es Anzeichen von Stress oder Unwohlsein, sollte in jedem Fall der Trainingsaufbau optimiert werden.

Trotzdem lässt sich durch einen durchdachten Aufbau des Trainings und den reflektierten, sparsamen Einsatz von Druck durchaus pferdegerecht trainieren, so dass das Pferd Spaß an der Arbeit erhält und die Eigenmotivation irgendwann überwiegt. Solange man allerdings bereit ist, Druck anzuwenden, falls das Pferd nicht wie gewünscht reagiert, handelt es sich dennoch auch bei der feinsten Hilfen um negative Verstärkung – dagegen hilft auch das „Leckerli danach“ nicht.

Letztlich muss jeder für sich selbst entscheiden, wieviel Druck und negative Verstärkung er im Umgang mit seinem Pferd anwendet. Wichtiger ist, sich als Trainer ständig reflektiert zu Verhalten und an der Weiterentwicklung seiner Fähigkeiten zu arbeiten, damit das Training für das Pferd stets eine Freude ist – unabhängig von der Wahl der Trainingsmethode.