Wie in jedem Bereich des Lebens, gibt es auch im Pferdesektor „extreme“ und weniger konsequent festgelegte Richtungen. Während für die einen Druck im Training dazugehört, mischen andere fröhlich vor sich hin; für wieder andere ist Druck weitestgehend inakzeptabel. Dabei ist gerade die Definition von „Druck“ schon eine Grundsatzdiskussion wert. Für den einen fängt Druck erst an, wenn das Pferd deutliche Abwehrreaktionen zeigt. Und auch diese sind ja sehr diskutabel in ihrer „Deutlichkeit“. Für wieder jemand anderes ist schon das „Hand anlegen“ Druck. Gerne wird einem Clickertrainer (egal, ob es sich nun um berufliche Trainer oder Pferdebesitzer handelt) vorgeworfen, man sei nicht offen genug für andere Trainingsmethoden und solle nicht alles so schwarz-weiß sehen. Im Internet wimmelt es von Blogartikeln, die für mehr Offenheit plädieren. Aber wie offen muss man       wirklich sein und kann es nicht auch positiv sein, sich festzulegen? Warum sind manche Menschen so sehr auf ihre „Meinung“ erpicht und muss die eigene Meinung wirklich immer in Frage gestellt werden? Ich habe den Eindruck, gerade Clickertrainer  werden gerne als „engstirnig“ bezeichnet, weil sie für sich einen sehr strikten Weg ausgewählt haben und den ein oder anderen damit vor den Kopf stoßen.

Die meisten „Vollzeit-Clickerer“ haben irgendwann überlegt, dass es neben dem konventionellen Training über Druck aufbauen und Nachlassen noch etwas anderes geben muss. Vielleicht war es das Pferd, das nicht motiviert mitarbeiten wollte oder ein bestimmtes Problem, bei dem man nicht weiter kam. Oder, wie es häufig bei den Zirkuslektionen der Fall ist, man wollte einfach mal was anderes probieren und es erschien einem bei dieser Übung sinnvoll. Sehr wahrscheinlich lag es auch ein wenig an den eigenen Fähigkeiten, sein Pferd entsprechend auszubilden, ohne das jetzt wertend zu meine n. Denn ich bin überzeugt davon, dass man viele Pferde durchaus auch mit fairer, konventioneller Ausbildung weit bringen kann und das nicht jeder, der mit negativer Verstärkung arbeitet, auch gleich ein schlechter Trainer ist (!), auch wenn es eine völlig andere Herangehensweise ist. Hat man aber erst einmal damit begonnen, sich mit dem Training mit positiver Verstärkung auseinander zu setzen, seine eigenen Fähigkeiten zu schulen und zu erkennen, was alles auch ohne Druck bzw. dessen Nachlassen als Verstärker möglich ist, kommt man schnell ins Grübeln.

Häufig wird das eigene Verständnis von „Druck“ dadurch noch einmal komplett über den Haufen geworfen, wenn man beginnt zu verstehen, dass weniger Druck nicht zwangsläufig auch „mehr freiwillig“ bedeutet. Druck gehörte für die meisten Clickertrainer lange zum Alltag und man empfand ihn so lange nicht als „negativ“, bis man sich mit anderen Trainingsmethoden und Lernverhalten auseinander gesetzt hat. So kommt es nicht selten dazu, dass man beginnt, die positive Verstärkung und Belohnung auch für den üblichen Umgang und die Ausbildung des Pferdes einzusetzen. Dabei ist die  Entscheidung, mit positiver Verstärkung zu arbeiten, eine sehr weitreichende Entscheidung, wenn man sie als „Vollzeitjob“ sieht. Sie erfordert anfangs einige Zugeständnisse im Umgang mit dem Pferd und ein großes Umdenken. Und sie erfordert eine sehr spezielle Sicht auf das Thema „Druck“.

Gerne wird man dann belächelt, weil das Wissen um positive Verstärkung noch nicht sehr weit verbreitet ist und der „konventionelle“ Umgang über negative Verstärkung sehr präsent, auch wenn man nach und nach ein mit der Thematik Auseinandersetzen beobachten kann. Sehr gerne wird dann Toleranz für die Arbeit mit Druck gefordert und einem vorgeworfen, nicht über den Tellerand zu schauen. Das Pferd sei ein Individuum und damit auch die Wahl der Trainingsmethode individuell zu sehen. Das Pferd jedoch bringt alle Quadranten der operanten Konditionierung mit – es kann über Druckaufbau und nachlassen lernen und es kann ohne Druckaufbau über (Futter-)Belohnung lernen. Richtig aufgebaut, kann beides funktionieren. Der entscheidende Faktor ist hierbei der Mensch, der für sich und damit auch für sein Pferd entscheidet, wie er vorgeht. Wer nicht hinter seiner Trainingsmethode steht, wird auf lange Sicht auch keine guten Erfolge erzielen. Wie immer setzt auch hier der Mensch die Grenzen, weniger das Pferd. Nur weil mir als Trainer die Fähigkeiten fehlen, mit diesem Pferd ein Ziel über positive Verstärkung (oder auch negative Verstärkung) zu erreichen, bedeutet das nicht, dass dies nicht geht! Es sagt etwas über die Fähigkeiten des Menschen aus, nicht über die Grenzen der Methode oder gar des Tieres.

Wer die Arbeit mit positiver Verstärkung dem konventionellen Training vorzieht, der trifft diese Entscheidung zwar für sich, entscheidet aber oft aus moralischen oder ethischen Gründen und nicht, weil es effektiver ist oder für sein eigenes Pferd besser funktioniert. Das hat zur Folge, dass man natürlich mit diesem Statement durchaus auch eine Bewertung anderer Trainingsmethoden  vornimmt. Wenn ich sage, ich arbeite mit positiver Verstärkung, dann bedeutet das in der Regel auch, dass man das Arbeiten mit Druck ablehnt – sonst würde man sich die Mühe vermutlich nicht machen. Zwar ist der Begriff „negative Verstärkung“ der Mathematik geschuldet, weil das „negativ“ vor der Verstärkung bedeutet, dass man das Pferd damit belohnt, etwas zu entfernen (negativ=minus), gleichzeitig muss man aber akzeptieren, dass dieses Konzept nur dann funktioniert, wenn der Reiz auch so deutlich ist, dass das Wegnehmen eine Belohnung darstellt und das Pferd dies zukünftig zu vermeiden versucht. Und das wiederum enthält durchaus eine moralische Komponente – auch wenn der Hintergrund sachlich zu sehen ist.

Ich möchte das gerne mit einem Beispiel vergleichen, das für die meisten Menschen ein bisschen besser zu verstehen ist, weil sie zumindest Ansatzweise nachvollziehen können, warum jemand diese Entscheidung für sich trifft.  Es ist ein bisschen wie mit dem Vegetarierdasein: es ist eine moralisch-ethische Entscheidung, auf Fleisch und/oder tierische Produkte zu verzichten, selten eine „praktische“ oder gesundheitliche. Wer diese Entscheidung für sich trifft, kann zwar akzeptieren, dass andere Menschen dies trotzdem tun, wird aber vermutlich nicht täglich entscheiden, heute vielleicht doch ein Steak zu essen, weil man besonders viel Hunger hat. Das hat nichts mit Toleranz gegenüber „Fleischessern“ zutun, sondern mit der eigenen Grundeinstellung zum Konsum. Natürlich kann es gerade in der Anfangszeit mal passieren (und auch darüber lässt sich sicher streiten …), das man in alte Gewohnheiten zurückfällt oder „Spuren von Milch“ in seiner Schokolade doch noch toleriert, schließlich sind die wenigsten so auf die Welt gekommen, aber es ändert nichts an der Grundeinstellung und der Entscheidung, die man für sich getroffen hat. Es wird Bestandteil des Lebens und natürlich spricht man über sein Leben und seine Kochrezepte genauso, wie andere, Fleisch essende Menschen. Und nicht jede  Erklärung und Erzählung ist gleich ein Missionierungsversuch – es sei denn, das Gegenüber wünscht oder empfindet es so. Wenn ich als Veganer entschließe, nicht  mit meinen Freunden in ein Steakhouse zu gehen, dann hat das nichts damit zu tun, dass ich meine Freunde weniger mag oder deren Einstellung, Fleisch zu essen, nicht respektiere. Es hat etwas mit meinen eigenen Grenzen zu tun. Aber es zeigt durchaus etwas über den Respekt innerhalb der Gemeinschaft, wie die Gemeinschaft damit umgeht. Ich erwarte nicht, dass die Gruppe meine Entscheidung mitträgt und kann gut damit leben, wenn diese dann ohne mich geht, ohne Groll zu hegen. Aber möglicherweise sorgt das dennoch auf beiden Seiten für einen Zwiespalt und stellt die Freundschaft auf die Probe, weil hier unterschiedliche Moralvorstellungen zum Tragen kommen.

Genauso verhält es sich mit der Thematik Druck und negative Verstärkung. Jeder entscheidet für sich, wieviel er davon „konsumiert“. Es ist jedem selbst überlassen und jeder muss diese Entscheidung für sich treffen – man kann niemanden überreden, „kein Fleisch mehr zu essen“.

Für mein eigenes Training und auch für mein Trainerdasein bedeutet dies, dass ich nach und nach die „Leinen“ in Richtung des anderen Ufers gekappt und beschlossen habe, mich ganz auf das Training  mit positiver Verstärkung zu konzentrieren. Das ist auch als Trainer eine sehr drastische, aber für mich notwendige Entscheidung. Das bedeutet nicht, dass ich bei meinen Schülern eine „Null-Toleranz“ für Druck habe, aber es bedeutet, dass meine Schüler dafür offen sein sollten, positive Verstärkung und damit auch Belohnung durch Futter um Training zu nutzen. Für alle anderen gibt es ja durchaus Traineralternativen, während Trainer die vorwiegend mit positiver Verstärkung arbeiten leider rar gesät sind. Das bedeute nicht, dass ich verlernt habe „Fleisch zu essen“, ich tue es nur einfach nicht mehr, weil ich mich auch ohne ganz gesund ernähren kann und gut zurechtkomme; die für mich positiven Konsequenzen überwiegen, während die für mich inakzeptablen Konsequenzen der Arbeit mit Druck immer deutlicher werden.

Durch die Arbeit mit positiver Verstärkung habe ich ein sehr gutes Timing und einen klaren Blick für Trainingsaufbau und –kriterien – ich kann dadurch sogar sehr gut mit Druck arbeiten, falls es wirklich notwendig ist oder die Situation es erfordert. Das sollte ich auch, schließlich sind viele Pferde, die bei mir in die Kurse oder in den Unterricht kommen, konventionell trainiert und wären völlig überfordert, wenn ich dies nicht täte. Während man als Trainer mit negativer Verstärkung auch ganz gut mit sporadischem Belohnen, oder ganz ohne positive Verstärkung oder Clicker auskommt, muss man als Trainer mit positiver Verstärkung auch in der Lage sein, sich auf eine andere Trainingsmethode einzustellen, die nicht seiner eigenen Vorstellung von Ausbildung entspricht. Diesem Konflikt, dem man sowohl als „umdenkender“ Pferdebesitzer, als auch als Trainer entgegensteht, sollte nicht unterschätzt werden. Wenn ich die Wahl habe, dann verzichte ich auf Druck als Methode, in egal welcher Abstufung. Aus   voller Überzeugung. Ich entscheide sehr sorgfältig, ob ich Druck anwende und das „Ziel“ es wert ist. Auch, wenn dies zunächst als der schnellere Weg erscheint. Es ist mir wichtig, wie das Pferd etwas lernt und obwohl es mir dabei nicht darauf ankommt, wie schnell das Ergebnis erzielt wird, bin ich damit sehr effektiv. Und das ist nicht selten der Grund, weshalb Schüler sich für mich als Trainer entscheiden und durchaus auch mal von ihren üblichen Methoden abweichen.

Wenn ich meine Artikel schreibe, in denen es darum geht, die Vorteile positiver (und damit zwangsweise auch die Nachteile negativer) Verstärkung zu erklären, dann ist das meine, wenn auch wissenschaftlich geprägte Sicht der Dinge. Es gibt dabei wissenschaftliche Grundlagen, die Fakten entsprechen und daher (für mich) weniger diskutabel sind, aber es ist auch ein Teil Erfahrung, persönliche Einstellung und „Statement“. positive Verstärkung ist ein Thema, welches auf dem Vormarsch ist, weil sich dessen Vorteile immer mehr verbreiten. Während gerade in den Anfängen dieser „Methode“ auch ein hoher Fehleranteil präsent war (ein Grund für die „Vorurteile“ gegenüber der Arbeit mit Futter), führt Weiterbildung und Fortschritt dazu, dass diese Trainingsweise immer effektiver und „klarer“ wird – für Tier und für Mensch.

Ich finde es notwendig, als Trainer ein Statement abzugeben. Für mich bedeutet das Trainerdasein auch eine moralische Verpflichtung, sein Wissen weiter zu geben. Das unterscheidet mich damit durchaus von einem „normalen“ Pferdebesitzer. Auch oder gerade, weil ich auf viele Dinge einen anderen Blickwinkel habe. Konventionelle Trainer verbreiten schließlich ihr Wissen ebenso, weil sie z. B. davon überzeugt sind, dass „Druck“ nicht negativ ist. Das respektiere ich, auch wenn ich eine andere Meinung vertrete. Es wird immer Menschen geben, die sich dadurch auf die Füße getreten fühlen. Aber es wird auch viele Leute geben, bei denen dies einen Stein ins Rollen bringt. Schließlich trainieren viele Menschen nicht mit Druck, weil sie unbedingt Druck ausüben wollen, sondern weil ihnen das Wissen fehlt, dass es auch anders geht oder es Alternativen gibt. Genauso, wie es immer Menschen geben wird, denen dies zu extrem ist oder die damit einfach nicht zurechtkommen.

Jeder Mensch, auch ich als Trainer – genauso wie ihr als „Schüler“ oder Pferdebesitzer – hat das Recht, eine eigene Meinung zu Dingen zu haben und diese auch zu sagen, wenn sie nicht der Meinung anderer Leute entspricht. Es ist nicht immer leicht, dabei die Grenzen des Gegenübers nicht zu überschreiten, weil unterschiedliche Moralvorstellung Menschen angreifbar machen – und es erfordert von beiden Seiten großen Respekt und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, ein „Nein“ zu akzeptieren. Man muss nicht alles ausdiskutieren, man darf auch mal „Nein“ zu etwas sagen. Auch, wenn jemand anderes sich dadurch möglicherwe   ise unangenehm berührt fühlt. Natürlich macht der Ton die Musik, wie es so schön heißt, auch wenn man die Botschaft noch so blumig verpackt, wird sich der Inhalt nicht ändern. Es lohnt sich stets darüber nachzudenken und diese einmal von außen zu betrachten und sich zu reflektieren – wenn man danach entschieden hat, man handelt richtig, hat es sich gelohnt und man kann darüber stehen. Fühlt man sich danach immer noch unangenehm angesprochen, lohnt es sich manchmal, ein zweites Mal nachzudenken.

Trotzdem sollten wir nicht vergessen, dass wir alle stets das Beste für unsere Tiere wollen – jeder auf seine Art und Weise. Wir entwickeln uns weiter, Standpunkte, Meinung und Grenzen dürfen und werden sich im Laufe der Jahre ändern. Dabei sollte man stets voll und ganz hinter dem stehen, was man tut, denn das Pferd ist keine Maschine und wir trainieren nicht in einer Blackbox – es merkt, wenn wir nur noch Blind und verkopft einer Methode hinterhertrainieren und dabei unsere Authentizität verlieren. Wer nicht ernsthaft hinter dem steht, was er tut, verzichtet auf einen wichtigen Verstärker – Ehrlichkeit und Selbstvertrauen in sich, sein Tun und damit auch sein Pferd.