[singlepic id=1375 w=320 h=240 float=right]Heute wird es erst mal ein wenig emotionaler und nachdenklicher. Weniger ein fachlicher Beitrag als ein Verfassen und Niederschreiben meiner zusammengewürfelten Gedankengänge. Ich habe lange überlegt, ob ich diesen Beitrag überhaupt online stelle, denn das ist natürlich alles höchst subjektiv verfasst und eigentlich verfolge ich mit meinen Beiträgen immer auch ein Ziel … Diesmal ist es vielmehr das Ziel, meine Gedanken zu Papier zu bringen. Entschlossen habe ich mich dann doch dazu, weil es vielleicht den ein oder anderen zum Nachdenken anregt und in gewisser Weise eine Besinnung auf bestimmte, ethische Werte mit sich bringt. Ein wenig Erdung kann nie schaden!

Viel Inspiration zum Schreiben und Nachdenken erhalte ich in der Diskussion oder in Gesprächen mit anderen Pferdefreunden, aber auch beim bloßen Lesen von z. B. Statusmeldungen und Kommentaren auf Facebook. So war auch heute Facebook die Quelle meiner Inspiration.

Ich habe die letzte Stunde damit verbracht, mir eine Reportage anzusehen. Es ging um Pferde, natürlich. Um Pferde in ihrem natürlichen Lebensraum, um das Herdenverhalten und um die Domestizierung des Pferdes. Und auch um das, was der Mensch im Laufe der Zeit so mit Pferden “angestellt” hat …

Als Resonanz auf den eingestellten Link schrieb jemand, dass er nach dem Sehen des Films wieder weiß, dass er auf dem richtigen Weg ist.

Nachdem ich den Film gesehen hatte und auch schon währenddessen, wurde ich jedoch zunehmend betroffener. Auf einmal blieb von der Bedeutung des Wortes “natural” nicht mehr viel übrig und mich erfüllte ein Gefühl von Ehrfurcht und tiefer Demut vor dem Wesen Pferd. Wir nehmen den Pferden nahezu alles, um Ihnen dann ein Stück davon zurück zugeben. Und dann besitzen wir noch die Anmaßung zu sagen, all das wäre natürlich? Es ist klar, dass wir die natürlichen Bedürfnisse der Pferde in der heutigen Zeit und im Rahmen der Domestizierung nur annähernd nachstellen, aber selten vollständig erfüllen können. Doch abgesehen von der Haltung, die wir in der Tat so natürlich wie möglich gestalten können, ist nahezu nichts von dem, was wir tun, natürlich. Das Pferd ist nicht erschaffen worden, um dem Menschen zu dienen, es benötigt auch keine durch uns begründete Daseinsberechtigung.

[singlepic id=1374 w=320 h=240 float=left]Wir aber nehmen uns das Recht heraus, uns das Pferd, überspitzt gesagt, zum Untertan zu machen. Dabei finde ich es in letzter Konsequenz auch nicht wichtig, mit welcher Trainingsmethode dieses geschieht. Sicher gibt es hier Wege, die für das Pferd angenehm oder weniger angenehm sind, aber am Ende steht dann doch eine Erwartungshaltung, die wir an das Pferd stellen. Es fühlt sich an, als sei die Erhaltung des Pferdes nur durch den Egoismus des Menschen begründet. Es begann damit, das Pferd als Nutztier zu entdecken. Das Pferd diente einem wirtschaftlichen Zweck, ganz egal ob bei der Arbeit auf dem Feld, im Krieg, auf Reisen oder zum Austragen von Waren und Post. Was wäre der Mensch ohne das Pferd? Und all das wäre gar nicht möglich gewesen, wäre das Pferd nicht so unglaublich tolerant, genügsam und gutmütig wie kaum ein weiteres Wesen im Tierreich.

Heute braucht das Pferd keinen Job mehr machen, außer unsere Freizeit mit Freude zu erfüllen. Und auch hier steht zumeist an erster Stelle unsere eigene Erwartungshaltung. Unser eigener Anspruch, wie das Zusammensein mit unserem Pferd zu sein hat. Wir alle zahlen jeden Monat, jeden Tag eine nicht unerhebliche Summe für diesen Spaß und, es ist irgendwie menschlich, dass man dies im wahrsten Sinne des Wortes nicht „umsonst“ macht, sondern auch eine „Gegenleistung“ dafür erwartet. Für mich ist dies ein ständiger Zwiespalt. Um es mit den Worten des jüngst verstorbenen Hans Heinrich Isenbart zu sagen „Aber vergessen Sie die Pferde nicht!”

Manchmal denke ich mir, ob das alles überhaupt sein muss; muss ich reiten? Muss ich Zirkuslektionen oder Horsemanship machen? Muss ich Kutsche fahren? Wie würde es meinem Pferd wohl gehen, ohne all diese Dinge? An solchen Tagen frage ich mich, ob ich ein schlechter Mensch bin, weil hinter meinen Motiven letztlich nun doch materielle Werte stehen. Ich frage mich auch, manchmal schlechten Gewissens, warum ich mich nicht einfach daran erfreuen kann, mit meinem Pferd zu sein, ganz ohne jeglichen Anspruch und dabei meine ich wirklich, ohne jeglichen Anspruch. Auch das Training mit positiver Bestärkung dient trotz aller Freiwilligkeit zumindest teilweise einem Zweck, dem Erarbeiten von Abläufen, Signalen oder Lektionen. Und auch wer das Training positiv gestaltet, gestaltet das Training!
Eine wirkliche Lösung habe ich an solchen Tagen für mich nicht. Aber helfen tut mir der Wunsch, dass ich die Arbeit mit meinem Pferd in einer Art gestalten kann, in der schon das Training so von Freude und Spaß erfüllt wird, dass es für beide Seiten ein unterhaltsames Zusammensein ist. Weg von Lektionen zum Selbstzweck, hin zur Ganzheitlichkeit für Körper und Geist – meinem und den des Pferdes. Ich möchte Reiten? Dann muss ich dafür sorgen, dass mein Pferd diesem Anspruch nicht nur körperlich gerecht werden kann, sondern auch hier die Motivation eine übergeordnete Rolle spielt. Unter Berücksichtigung der Biomechanik, soweit man von einem nicht für das Tragen ausgelegten Tier überhaupt von Biomechanik sprechen kann und unter Berücksichtigung positiver Lernprinzipien, habe ich eine ganze Menge Möglichkeiten, diesem Anspruch gerecht zu werden.

Dies gilt natürlich stellvertretend auch für alle anderen Beschäftigungen mit dem Pferd. Wir müssen eine gemeinsame Sprache finden und können dem Pferd so eine Sicherheit gewähren, die ihm die Herde in ähnlicher Weise bieten kann. Diese Kommunikation ist frei von Abfolgen und Signalen die fest definiert sind, sie ist etwas sehr individuelles und persönliches zwischen Pferd und Mensch, einzig eine gewisse Zweckmäßigkeit ist von Vorteil. Das natürliche am positiven Training ist für mich somit nicht etwa die Sprache, die am Ende steht, sondern vor allem der Weg dorthin. Denn dieser begründet sich in respektvoller Art und Weise anhand des natürlichen Lernverhaltens des Pferdes und dem Bestreben nach möglichst freiwilliger Mitarbeit und beiderseitigem Einverständnis.

Dies zu berücksichtigen ist im Eigentlichen nicht schwer, aber schwer ist es, seine eigenen Vorstellungen hinten anzustellen und einfach loszulassen.
Beschämend ist es häufig zu sehen, was der Mensch dem Pferd antut und wie sehr er seine Gutmütigkeit ausnutzt und das Pferd für seine Zwecke benutzt und manchmal nahezu missbraucht. Wie sehr er die natürlichen Grenzen und seine Persönlichkeit missachtet. Aber was erwartet man, wo doch Moral und Wertvorstellung heutzutage kaum noch eine Bedeutung zu haben scheinen und Ethik erst im Duden nachgeschlagen werden muss. Man kann dem Einzelnen wohl kaum einen Vorwurf für die Entwicklung der Gesellschaft machen. Auch Selberdenken muss gelernt werden, wo doch Eigenverantwortung ebenfalls nur noch geringfügig gefragt ist.

Dem Pferd mit Ehrfurcht, Demut und Respekt zu begegnen ist sicherlich nicht der bequemste Weg, denn er verlangt uns eine ganze Menge ab. Früher, als ich noch nicht so viel darüber nachgedacht habe, als ich weniger wusste, war ich oft ähnlich glücklich wie heute. [singlepic id=1376 w=320 h=240 float=right]Damals konnte ich aber auch nicht beurteilen, wie es meinem Pferd dabei geht. Heute denke ich mehr nach, manchmal zu viel, und habe auch ein größeres Wissen, aus dem ich schöpfen kann. Ich schätze Momente wie diesen, denn Sie bringen mich zurück auf den Boden der Tatsachen und dazu, manchmal ganz zurück zum Anfang zu gehen und alles in Frage zu stellen – und sei es nur, um zu der Erkenntnis zu kommen, dass es sich richtig anfühlt, was ich tue. Mein Tun zu beurteilen liegt dabei in letzter Konsequenz nicht bei mir, es ist auch nicht wichtig, was andere über mich denken, der einzige, der sich wirklich ein Urteil über mich und meine Fähigkeiten erlauben kann, ist mein Pferd! Und wenn ich ihm in die Augen sehe, sehe, wie selbstsicher und voller Freude er sich in der Arbeit mit mir gibt, dann glaube ich, seine Antwort zu kennen.