Warum ich Pferde nicht bestrafe„Strafst du eigentlich nie?“ Das ist eine Frage, die in meinen Kursen regelmäßig auftaucht, wenn ich über die Lerntheorie spreche und damit auch über Strafe. Denn es ist mir wichtig, dass meine Schüler die Wahl haben, wie sie trainieren – dazu müssen sie alle Methoden kennen, auch negative Verstärkung und positive Strafe (Hinzufügen von etwas unangenehmen, was das Pferd vermeiden möchte, also z. B. körperliche Maßnahmen oder dessen verbale Androhung). Doch ähnlich wie in der Kindererziehung, haben wir Menschen oft das Gefühl, Grenzen über Strafe setzen zu müssen und das Pferd damit anzuhalten, die Regeln unseres Zusammenseins zu akzeptieren. Wir können uns nicht vorstellen, dass Erziehung ohne Strafe überhaupt möglich oder gar sinnvoll ist. Dabei hilft Strafe nicht, Verhalten zu verändern, denn Sie kann nur Verbieten, niemals erklären.

Reagieren Pferde in einer Art und Weise, die der Mensch als übergriffig empfindet, reagiert er aus Angst um seine Sicherheit oder aus Verantwortungsgefühl für die Grunderziehung des Pferdes häufig  mit entsprechenden Sanktionen. Das hat Tradition. Das macht man so. Hinterfragt wird dieses Verfahren selten, denn uns allen erscheint es zunächst als logisch und notwendig. Häufig sind wir selbst so erzogen worden. Das gilt nicht nur für körperliche Strafe, sondern auch für „Schimpfen“ mit entsprechend emotionalem Hintergrund. Denn auch Schimpfen ist eine Form der Strafe: Das Pferd hat etwas getan, mit dem wir nicht einverstanden sind und nun erniedrigen wir es dafür mit dem Ziel, dass es dieses Verhalten nicht wieder zeigt. Es muss sich so schrecklich anfühlen, dass das Pferd nicht wieder in diese Situation kommen möchte. Strafe schüchtert ein, es macht im schlimmsten Falle „bewegungsunfähig“, ganz egal ob es sich dabei um einen Klaps, ein Tappen,  einen Ruck am Halfter, eine Ermahnung oder ein Anschreien handelt, denn das Ziel von Strafe ist ja durchaus, dass sich unser Gegenüber, in dem Fall das Pferd, schlecht fühlt. Und das lässt sich auch nicht beschönigen, indem wir es immer blumiger umschreiben und neue Begriffe erfinden, damit wir andere von der Richtigkeit und Wichtigkeit von Strafe überzeugen oder unser Handeln vor uns und anderen rechtfertigen können.

Manchmal ist es notwendig, Situationen zu unterbrechen, indem Druck angewandt wird - dann bitte nur soviel, bis die Situation beendet istLeider macht es tatsächlich oft den Eindruck, dass Strafe funktioniert, weshalb der Mensch sich in seinem Tun oft bestätigt fühlt. Und tatsächlich kann es, je nach Schwere der Strafe, kurzfristig für eine Veränderung sorgen, weil das Pferd sich „zurücknimmt“ – was aber an der emotionalen Lage des Pferdes nichts ändert, außer dass es sich zunächst nicht mehr mitteilt. Verändert das Pferd sein Verhalten nach einer Strafmaßnahme, so ist es vor allen Dingen der Sorgfalt und der Anpassung des menschlichen Umgangs geschuldet, dass das Verhalten des Pferdes verändert – es hätte sein Verhalten also auch ohne Strafe geändert.

Strafe selbst kann nie zu einer Veränderung des Verhaltens führen, denn Strafe beinhaltet keinerlei Information außer: „Wenn du das tust, mache ich, dass du dich schlecht fühlst“. Es führt nicht automatisch dazu, dass das Pferd sich beim nächsten Mal „richtig“ verhält. Wir haben also durch Strafe nichts gewonnen – passiert ist passiert. Unsere „kleine, heile Welt“ wird davon nicht wieder geradegerückt. Im Gegenteil, wir haben sogar etwas verloren: Einen Teil des Vertrauens, der Teil, der es erlaubt, Fehler zu machen, sich zu entscheiden und sich anzuschließen, um sich sicher zu fühlen. Die Beziehung leidet, weil wir ein deutliches „Nein“ des Pferdes leichtfertig mit einem „Halt den Mund“ abgefertigt, wir uns keine Zeit gegeben haben, den Grund zu hinterfragen in unserem Bestreben, den aufkommenden Widerstand sofort zu unterbinden. Im Moment der Strafe kann das Pferd nicht lernen, denn Lernen ist nur möglich, wenn das Pferd sich in Sicherheit wiegt und in der Lage ist, auf unsere Botschaft zu achten. „Das muss es aber lernen!“ ist in diesem Falle also ein äußerst schlechtes Argument.

Doch was tun? Wir sind nicht gefangen zwischen Strafen und Nichts-tun“. Die Arbeit mit positiver Verstärkung ist keine Laissez-faire Erziehung. Nichst-tun ist unfair, denn woher sollte das Pferd sonst die Regeln des gemeinschaftlichen Zusammenseins lernen?

Ungehorsam resultiert oft aus ÜberforderungEs kommt vor, dass Pferde, gerade, wenn diese zuvor über mehr oder weniger Druck konventionell trainiert wurden, sich mit „Fehlverhalten“ mitteilen. Sie schnappen, wenn es ums Füttern geht, oder Drohen bei körperlicher Beeinflussung (z. B. bei Dehnübungen, Begrenzung oder auch nur beim Anfassen), in dem Sie das Bein wegziehen bzw. ein Ausschlagen andeuten oder die Ohren anlegen. Das kann passieren. Ich kenne das Pferd nicht, das Pferd kennt mich nicht, der Mensch kennt die Übungen noch nicht gut und für alle ist es etwas ungewohnt. Gepaart mit Stress, kann es da zu unerwünschtem Verhalten kommen – ähnlich wie es auch bei kleinen Kindern der Fall sein kann, wenn sie emotional gesteuert reagieren. Weil ich bereits im Vorfeld genau darauf achte, wie sich das Pferd im Umgang verhält, wie seine Möglichkeiten sind, körperlich und geistig, bin ich grundsätzlich auf so etwas vorbereitet und achte darauf, mich nicht in Gefahr zu bringen, indem ich mich entsprechend positioniere und auch meine Schüler anhalte, dies zu tun. Safety first ist eine der wichtigsten Regeln im Clickertraining.

Wenn dieses trotz aller Vorsicht passiert, lasse ich ab bzw. breche die Übung ab und halte kurz inne. Falls es wirklich notwendig sein sollte (eher selten), begrenze ich das Pferd passiv über Strick oder Halftergriff bzw. begebe mich außerhalb der Gefahrenzone (und ja, es ist sogar schon vorgekommen, dass ich meinen Finger oder Ärmel „befreien“ musste…). Ich strafe nicht! Ich gebe uns allen einen Moment, um darüber nachzudenken. Nicht selten reagiert das Pferd in einem solchem Moment selbst schon erschrocken, entweder weil es für ein solches Verhalten schon einmal bestraft wurde und ggf. auch sein Mensch mit Anspannung reagiert, die Strafe ankündigen könnte oder Unsicherheit mitteilt, oder aber weil das Pferd gar nicht realisiert, was da gerade passiert ist. In der Regel entspannt sich das Pferd dann wieder und in der Zwischenzeit habe ich mir überlegt, was dazu geführt hat, wie der nächste Trainingsschritt aussieht und wie ich eine erneute Überreaktion vermeide – vorher macht es keinen Sinn, die gleiche Aufgabe noch einmal zu trainieren.

Strafe ändern nichts am GeschehenenFehlverhalten hat immer einen Grund: Das Pferd kann das Verhalten körperlich oder mental (Stress etc.) nicht ausführen, es hat nicht verstanden, was es tun soll oder es ist schlichtweg nicht motiviert. Jeder dieser Gründe lässt sich mit Training und ohne Strafe oder „Mach es trotzdem“ beheben, wenn man dazu bereit ist. Denn nur, wenn wir unser eigenes Verhalten verändern, können wir dem Pferd eine Verhaltensalternative erklären. Das Pferd bewegt sich letztlich stets in einem von uns vorgegebenen Rahmen. Wir haben also dafür zu sorgen, dass es sich innerhalb dieses Rahmens auch so verhalten kann, wie wir es uns wünschen, indem wir es entsprechend ausbilden. Was ich nicht zuvor in einem Trainingsprozess trainiert habe, kann ich dabei nicht abverlangen. Verlange ich dies trotzdem, sind entsprechende Verhaltensantworten des Pferdes nahezu vorprogrammiert.

Es ist also wichtig, dass wir Verantwortung für das Verhalten des Pferdes übernehmen und uns fragen, wie es zu einer solchen Entgleistung überhaupt erst Pferdes kommen kann. Denn das Pferd verhält sich aus seiner Sicht der Dinge immer richtig; ein „falsch“ gibt es im Sinne der Verhaltensökonomie des Pferdes nicht. Dazu müsste es zu rationalem Denken wie wir Menschen fähig sein. Es wird uns folglich nicht austricksen, hintergehen oder gar bewusst schaden wollen. Es tut, was wir ihm beigebracht haben – oder was wir verpasst haben, ihm rechtzeitig beizubringen. Es ist also meine Aufgabe, das Pferd nicht in Situationen zu bringen, denen es nicht gewachsen ist und falls doch, die Situation so gewaltfrei, druckfrei und emotionslos wie möglich zu beenden. Wenn möglich, breche ich also einfach die Übung ab und gehe aus der Situation. Dies ist auch wichtig, um eine gute Trainingsgrundlage zu schaffen und danach weiter zu trainieren.

Eine gute Kommunikation und Beziehung kann nur auf einer vertrauensvollen Basis entstehenAn dieser Stelle möchte ich auf die Ausgangsfrage zurückkommen, ob ich eigentlich nie Strafe. Nun, auch ich bin nur ein Mensch mit Reflexen, die ich nicht immer, aber zumindest meistens, kontrollieren kann. Und doch gelingt es mir nicht immer, alle Muster, die ich im Laufe meines Pferdelebens entwickelt habe – vor meiner Zeit mit positiver Verstärkung – vollständig zu vergessen. Deshalb pflege ich einen sehr vorausschauenden und bewussten Umgang mit Pferden, und wäge sorgfältig ab, was ich meinem Pferd abverlange und was nicht. Ich bringe so nicht nur das Pferd, sondern auch mich, gar nicht erst in Situationen, die eskalieren könnten. Da ich bei der Arbeit mit positiver Verstärkung eher selten damit arbeite, Pferde gezielt unter Druck zu setzen, um diesen im richtigen Moment wieder wegzunehmen, kommt es äußerst selten zu Abwehrreaktionen des Pferdes. Die Pferde brauchen sich schlichtweg nicht auf diese Art mitzuteilen, weil wir ihnen durch die Möglichkeiten der positiven Verstärkung eine Stimme geben, eine Stimme die Arbeit mitzugestalten und in ihrem Tempo zu lernen. Sie lernen so für sich mit einem guten Gefühl, so dass zwischen Pferd und Mensch eine gute Beziehung erwachsen kann, die einer gleichberechtigen Partnerschaft nahekommt, weil sich das Pferd in seiner Persönlichkeit akzeptiert fühlt. Und wenn es dann doch einmal nicht glatt läuft, sollten wir nicht zu hart mit uns ins Gericht gehen. Denn auch wir haben jeden Tag die Möglichkeit, unsere Welt und die des Pferdes auf ein Neues zu verändern.